Aufrechter Gang – Wolf Biermann und Ernst Bloch (Apercu)

Aufrechter Gang – Wolf Biermann und Ernst Bloch (Apercu)

Nach der Veröffentlichung seins Gedichtbandes „Die Drahtharfe“ 1965 ist der kritische Liedermacher Wolf Biermann mit einem DDR weiten Auftritts- und Berufsverbot belegt worden. Nachdem die IG Metall den Dichter 1976 zu einer BRD Konzerttour eingeladen hatte, erhielt Biermann am 17. November 1976 schließlich ein Wiedereinreiseverbot in die DDR und wurde offiziell ausgebürgert. Kurz vor der Ausbürgerung des Liedermachers veröffentlichte Thomas Rothschild eine Aufsatzsammlung, mit dem Ziel Leben und Werk des Liedermachers und Sozialisten Biermann kritisch und solidarisch zu würdigen.
Der Philosoph Ernst Bloch schrieb dazu das Geleitwort:

„Echter, sich kennender, sich könnender Kommunismus hat dasjenige zu sein, was unter dem Namen Moral so lange vergebens gesucht ward. Und derart hat Kommunismus das Gegenteil von terrorisierender Angst vorm Andersdenken zu sein. Wolf Biermann hat an Ort und Stelle sich nicht zur Preisgabe des Andersdenkens zwingen lassen und sich gegen die Verwaltung seiner Vorstellungen vom Kommunismus durch die Staaatsapparatur gewehrt. Seine scharf und genau bestrebten Verse wagen beim Namen zu nennen, was im Osten dem Sozialismus als Vorstufe zum Kommunismus gewalttätig in den Weg trat: Stalin und sein Erbe, das weiterhin auch über Stalin hinaus den Kommunismus so schädlich pervertiert und ihm seine propagandistische Wirkung raubt. Obwohl in entschiedener Opposition zur bürokratischen Verformung der Arbeiterbewegung, ist Biermann ihr treu geblieben und nicht zum Renegaten geworden. Ihm bliebt klar, daß die Geschichte keine unwandelbaren Gesetze kennt, also auch der sich Sozialismus nennende Staatsbürokratismus kein unveränderliches Ergebnis sozialistischen Kampfs darstellt. Sondern das Menschen hier, gerade im Kommunismus gemessen, kollektiv falsch gehandelt haben, weil sie in ihren Handlungen eine falsche Theorie entwickelten. Sozialismus selber aber ist per se wissenschaftlich, weiß also seine Gestaltungen kritisch zu prüfen, sie auf ihre realen Ursachen zurückzuführen und, wenn sie das gemeinte Zielt verfehlten, realursächlich umzugestalten. Wegen seiner Wissenschaftlichkeit kennt der Sozialismus Berichtigung und Veränderung, darum braucht er die Kritik des Andersdenkens und keine Verwaltung einer fertigen Lehre. Biermann gehört gerade als Oppositioneller zu denen, für die der Sozialismus durch Pervertierungen nicht im mindesten abgetan ist. Biermann zeigt, daß kommunistische Moral sich nicht korrumpieren lässt. Denn corruptio optimi pessima [Die Entartung des Besten führt zum Schlimmsten]. Darum sind er und seine künstlerische Arbeit wichtig.“

Den Liedermacher Wolf Biermann und den Philosophen Bloch verbindet, neben ihrer jüdischen Herkunft, biographisch der Umstand, aus Überzeugung freiwillig in die DDR übergesiedelt zu sein (Bloch 1948, Biermann 1953). Außerdem ist ihnen eine Kritik am Stalinismus gemein, wenngleich Bloch erst im Laufe der 50er inhaltlich mit Stalin – dem „ wirklichen Führer ins Glück“ (Bloch) – bzw. dem autoritären Kommunismus brach. Auf Grund seiner unangepassten marxistischen Philosophie wurde der Leipziger Philosophie-Professor Bloch 1957 schließlich zwangsemeritiert und mit Publikationsverbot belegt. In Folge dessen und angesichts des Mauerbaus kehrten er und seine Frau Karola Bloch nach einer BRD-Reise 1961 nicht wieder in die DDR zurück. Bloch verstarb im August 1977, gut ein halbes Jahr nach Biermanns Zwangsausweisung. Anscheinend sind sich Biermann und Bloch während dieses Zeitraums begegnet. Anlässlich dessen Todes schrieb Biermann ein Gedicht.

Ernst Bloch ist ja tot (in: Preußischer Ikarus. Lieder/Balladen/Gedichte/ Prosa 1977)

kurz vor dem Ende
als ich ihn endlich traf
ja, da ging es zuende
mit mir

zuletzt hatten die Jahre ihn
doch ein Stück runter: krumm
wie ein Fidelbogen, so
sah ich ihn gehen
den aufrechten Gang

kurz vor dem Ende
sah ich den Erblindeten
ja, der war blind
- sah aber durch!

bloch, seines biblischen Alters
lästige Gebrechen –er
ertrug sie
mit Lässigkeit

aber immer noch staunte der Alte
über das stein-alte Übliche
die alltägliche Gemeinheit
die gesetzestreuen Verbrechen
ihn entsetzen sie, das normale
unrecht hinzunehmen
bis an sein Ende, Bloch
hat es nicht gelernt

hilfsloser Alter, aber
so wußte er sich zu helfen
kurz vor dem Ende
mir
half er auf

Das im selben Jahr veröffentliche Lied „Deutsches Misere (Bloch-Lied)“ ist eine weitere Würdigung des Werk und Lebens von Ernst Bloch.

Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion – Wladimir I. Lenin

Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion Wladimir I. Lenin, Mai 1909. (in: W.I. Lenin, Über die Religion: eine Auswahl, Berlin 1981, S. 53-66.)

- Ausgewählte Zitate -

„Die ganze Weltanschauung der Sozialdemokratie ist auf dem wissenschaftlichen Sozialismus, d.h. dem Marxismus aufgebaut. “

„ Die Religion ist das Opium des Volkes – dieser Ausspruch von Marx bildet den Eckpfeiler der ganzen Weltanschauung des Marxismus in der Frage der Religion. Der Marxismus betrachtet alle heutigen Religionen und Kirchen, alle religiösen Organisationen stets als Organe der bürgerlichen Reaktion, die die Ausbeutung verteidigen und die Arbeiterklasse verdummen und umnebeln sollen. “

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Franz von Assisi – Gehorsam als Herrschaftskritik?

Die Vogelpredigt

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„Die Brüder sollen keine Machtpositionen und kein Herrscheramt besitzen, vor allem nicht untereinander“ heißt es in einer Ordensregel der Franziskaner-Bruderschaft. Der Frage in welchem Zusammenhang diese Bestimmung mit dem Ideal des radikalen Gehorsams steht, widmet sich die folgende Betrachtung. (mehr…)

Methodik

„Du gewinnst Deine Einsichten nicht etwa durch eine strenge Anwendung einer materialistischen Methode, sondern vollständig unabhängig davon […] durch ein Spiel mit den Zweideutigkeiten und Interferenzerscheinungen dieser Methode“ (Sholem, Brief an Benjamin, S.526)

Zum Verhältnis von Theologie und materialistischer Gesellschaftsanalyse bei Walter Benjamin

„Mein Denken verhält sich zur Theologie wie das Löschblatt zur Tinte. Es ist ganz von ihr vollgesogen. Ginge es aber nach dem Löschblatt, so würde nichts was geschrieben ist, übrig bleiben“ (Anmerkungen zu Thesen Über den Begriff der Geschichte, N7 a, 7) schreibt Walter Benjamin in seinen Vorarbeiten zu den Geschichtsthesen. In der ersten der Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ charakterisiert er das Verhältnis von Theologie und materialistischer Gesellschaftsanalyse in seinem Denken dann noch deutlicher: „Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasser- pfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man >historischen Materialismus< nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ Die Bezugnahme des an Marx geschulten Philosophen Benjamin auf Theologie mag auf den ersten Blick seltsam anmuten. Hatte Marx doch bereits in einem sehr frühen Text „ die Kritik der Religion für im wesentlichen beendet“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: »Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844, S. 378) erklärt und gerade den Verhältnissen, die der Religion bedürften den Kampf angesagt. Zugleich gibt Marx im selben Text am Beispiel der Reformation wage Hinweise auf die Bedeutung mancher Auseinandersetzungen im religiösen Diskurs im Feld des Klassenkampfs, wenngleich er die Theologie verdächtigt für das Scheitern des Bauernkrieg, „der radikalsten Tatsache der deutschen Geschichte“ verantwortlich zu sein. Neben der vulgärmarxistischen Fixierung der Notwendigkeit innerhalb geschichtlicher Entwicklung, deren fortschrittsgläubige Teleologie an Gewissheit den christlich-chiliastischen Heilversprechen durchaus das Wasser reichen kann, sind auch für profundere Marx-Kenner_innen die Momente von Hoffnung und säkularisiertem Erlösungsversprechen konstitutive Bestandteile ihres Weltverhältnisses, auch wenn sich letztere dasselbe oft kaum so offen eingestehen wollen wie Ernst Bloch es Zeit seines Lebens vertreten hat. (mehr…)