Wühlarbeit im Fegefeuer http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de Maulwurfsmanuskripte Tue, 24 May 2016 07:57:46 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Gedanken zu Ende Gelände 2016 http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2016/05/24/gedanken-zu-ende-gelaende-2016/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2016/05/24/gedanken-zu-ende-gelaende-2016/#comments Tue, 24 May 2016 07:43:13 +0000 Administrator Konstellationen http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2016/05/24/gedanken-zu-ende-gelaende-2016/ Plötzlich Bewegung

Mittwochmittag, ein sonniger Maitag, Ankunft auf dem Klimacamp in Proschim. Es ist nicht das erste, dass ich in dieser Gegend erlebe und die ersten (positiven) Eindrücke sind auch nicht viel anders als bei anderen linken Camps der letzten Jahre. Hier ein Plenum, in das ich mich einklinke, kaum dass ich meine Sachen abgestellt habe; dort viele liebe, lang nicht gesehene Freunde aus anderen Teilen Deutschlands, die ich später rund um die Essenausgabe treffe. Der Abend klingt aus mit einer kohlekritischen Theateraufführung der Berliner Compagnie und einem Konzert vom Geigerzähler. Es ist ein schöner Tag, der so aber auch in anderen Jahren an anderen Orten stattfinden könnte.

Am Donnerstag verändert sich etwas Entscheidendes und ich, beschäftigt mit meinen Aufgaben auf dem Camp, bemerke es lange nicht. Dann kommt der Donnerstagabend, die Arbeit ist getan, ich streife durch das zentrale Areal und kann die beinahe schon elektrische Spannung förmlich knistern hören, die hier zwischen den Menschen überspringt. Es ist nur die bloße Zahl der Anwesenden, die sich über den Tag enorm gewachsen ist, es ist eine andere Qualität, ein andere Form von Zusammensein. In Erwartung des gemeinsamen massenhaften Aufbruchs am nächsten Tag teilen praktisch Alle eine nervöse, aufgekratzte Anspannung miteinander, ganz egal ob man in der Dunkelheit noch Strohsäcke stopft und Overalls besprüht, die in wenigen Stunden in der Grube zum Einsatz kommen werden, oder ob man um Tische und auf der Wiese sich in Gruppen versammelt. Dazu kommt das eher leise, manchmal laute, fortwährende Gewirr und Gemurmel der vielen Stimmen, die Vielfalt der Sprachen. Es sind viele Menschen aus Großbritannien und Frankreich, Belgien und den Niederlanden aber auch aus Spanien, Dänemark, Schweden, Polen, der Tschechei und der Ukraine, aus der Türkei und selbst Südafrika gekommen. Am Rand eines kleinen, bedrohten Dorfs in der Niederlausitz, dessen Existenz den Allermeisten vor kurzem noch völlig unbekannt gewesen sein dürfte, teilt uns alle die Erfahrung, von etwas ergriffen zu sein, was uns unbedingt angeht, für das wir kämpfen wollen und das uns an diesem Abend über alle Sprach- und Erfahrungsgrenzen hinweg in einer fieberhaften Spannung miteinander verbindet. Es ist, zeitlich beinahe perfekt passend, genau diese Erfahrung, die auch in der Erzählung vom Pfingstwunder aufscheint: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen […] Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? […] Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?“ (Apg 2, 1-13)

Es ist diese Erfahrung von Gemeinsamkeit und Kollektivität, die wohl dem entspricht, was für die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts die Fabrik, der Streik, die Nachbarschaft war und was im neoliberalen Stadium des Kapitalismus mit der Atomisierung der Menschen immer mehr verschwindet. Das macht solche Erfahrungen umso wertvoller, zu gleich aber auch begrenzt. Denn wenn die Erfahrung kämpferischer Kollektivität hauptsächlich bei solchen Anlässen und nicht mehr in der eigenen Alltagswirklichkeit gemacht wird, droht linke Politik entweder zum Bewegungs-hopping oder zur Frustrationsmaschiene mit solchen Aktionen als bloßem Akku-aufladen zu werden.
Begrenzt ist die Bewegung auch noch in eine andere Richtung. Selbst wohlwollend geschätzt sind 80% der Anwesenden angereist, jung, weiß, gebildet und leben in einer Stadt. Das ist eine Grenze und ein Problem das wir haben, sollte aber nicht in Selbstverdammung und Starren auf ein imaginiertes revolutionäres Subjekt führen. Jede Bewegung ist nur ein Ausschnitt der Gesamtgesellschaft und organisiert daher bestimmte soziale Gruppen. Die klassische Arbeiterbewegung hat nie „die“ Arbeiter organisiert, sondern war im Kern immer eine Bewegung der qualifizierten Arbeiterschaft, die die Kämpfe der Ungelernten, der Landarbeiter, der vagabundierenden Arbeiter, der HeimarbeiterInnen u.v.a.m, falls sie sie überhaupt wahrgenommen hat, nur punktuell in die eigene Bewegung integrieren konnte. Vielleicht wäre manche Niederlage vermeidbar gewesen, wenn es ihr gelungen wäre – an ihrer Rolle als wichtigem Subjekt von Emanzipation ändert das nichts. Bezogen auf Ende Gelände ist daher nicht nur die Frage interessant, wer nicht kommt, sondern warum gerade die Gruppen kommen, die da sind. Was ist ihr gesellschaftlicher Ort, welche Erfahrungen bringen sie mit, wie ist ihr Verhältnis zu den Widersprüchen unserer Zeit, welche Bedeutung haben sie in der gesellschaftlichen Produktion des Reichtums?

Aufbrüche

Das Überraschendste am Freitag war dann die Abwesenheit von Überraschungen. Die Kohlegrube war von Vattenfall stillgelegt und den Massen überlassen wurden, damit sie sich darin totlaufen. Außer Symbolbildern, die in ihrer beeindruckenden Science-Fiction-Ästhetik von den Bildern des letzten Jahres kaum zu unterscheiden sind, war hier nichts zu holen. Der wirkliche Konflikt wurde Samstag und Sonntag an den Schienen und im Kraftwerk ausgetragen.

Es ist Samstagvormittag. Auf einem abgemähten Feld hinter dem Camp sammelt sich einer der Finger, um sich auf den Weg Richtung Schiene zu machen. Die große Menge steht auf dem weiten Feld unter blauen Himmel zusammen, einheitlich in weiße Overalls gekleidet, geschlossen, entschlossen. Man zieht in eine Schlacht und ist bereit dafür, ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort um den Kämpfen um Befreiung ein neues, gemeinsames Kapitel hinzuzufügen. Die Stimmung ist entsprechend gut, wenn auch nicht frei von Anspannung, von entschlossener Aufgekratztheit. Auch wenn es weniger Leute sind als 2007, erinnert mich die ganze Aufbruchstimmung sehr an die G8 Proteste in Heiligendamm, manch eineR dürfte so alt sein wie ich damals.

Meine Gedanken gehen aber bald noch weiter zurück, zu den kahlen Hügeln über Frankenhausen, wo sich im Mai 1525 Bauern, Handwerkergesellen und weitere Gruppen zu einer anderen Schlacht sammeln, die eine entscheidende Wendung im Bauernkrieg markieren wird. Wie weit hergeholt das ist, wird mir schon im Moment klar, wo ich das denke. Die Kämpfe damals drehten sich um den Zugang zu Naturressourcen wie Wälder und Wiesen, um Ausbeutungsformen wie die Leibeigenschaft, um kommunale Selbstverwaltung, nicht zuletzt um religiöse Autonomie. Sie standen am Anfang des Kapitalismus, der sich anschickte, tradierte Verhältnisse umzuwälzen. Und endeten in einem unvorstellbaren Blutbad, als die Herren in Minuten Tausende mordeten und die Hügel blutrot färbten. Fünfhundert Jahre späte kämpfen andere Menschen in anderen Verhältnissen. Wir sind mittlerweile in einem späten Stadium des Kapitalismus angekommen, in einem Jahrhundert, in dem es entscheidend darum gehen wird, ob die kapitalistisch organisierte Menschheit die biologischen Grundlagen ihres Überlebens schwer schädigen oder gar vernichten wird. Hier wo wir kämpfen richten die Herrschenden vorerst keine Blutbäder mehr an, auch wenn manche die hier aufbrechen in den nächsten Stunden Verletzungen und Misshandlungen erfahren werden. Und dennoch, weil sich die Geschichte weitergedreht hat, nicht weil sie stehengeblieben ist, weil sich auf den Gräbern der geschlagenen Aufständischen der Kapitalismus entfalten konnte, die Widersprüche kapitalistischer Herrschaft sich anders stellen als vor fünfhundert Jahren, und weil trotzdem und deswegen wieder Menschen voll Zuversicht aufbrechen, für etwas was bei aller Vagheit und Heterogenität Befreiung heißen kann und muss zu kämpfen, deshalb lässt sich das tief ergreifende Gefühl, dass hier etwas eingelöst wird, was vor Frankenhausen geschlagen wurde, trotz allem Rationalisieren nicht abwehren. „Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden.“ (Walter Benjamin, 2. Geschichtsphilosophische These)

Ich denke auch an das Verhältnis von Bewegung und Anführern, dass damals ein gefährliches war und es heute noch ist. Und das gerade ,weil heute die Anführer*innen schwer auszumachen sind, weil es so viel Raum für Spontanität und Mitbestimmung gibt, dass schnell übersehen werden kann, dass das alles in einem Rahmen stattfindet, den wenige bestimmt haben. Weil es eine Handlungsanweisung gibt, die „Aktionskonsens“ heißt, obwohl ihn eine Minderheit ausdiskutiert hat und ihn viele eher vom Hörensagen kennen. Bezeichnend die Frage in der Versammlung Freitagabend, ob denn Schottern Teil des Aktionskonsens sei. Es gibt zwischen den Anwesenden nichtmal den Ansatz einer Diskussion über den politischen Sinn und Unsinn der Aktionsform, sondern von der Bühne die lapidare Mitteilung: „Wir“ (?) haben schweren Herzens entschieden – nein. Wir (ein anderes wir) witzeln: Hoffentlich kommt die Justiz nicht auf die Idee, die Strafverfahren gegen unsere Bewegung Strafkonsens zu nennen. Denn sonst würden unsere Leute kooperieren – schließlich haben sie ja eingewilligt.
Der trockene Spott und Frust der Nacht zuvor ist schnell vergessen, als am nächsten Tag der Zug über das Feld zieht und aus meinem Blickfeld verschwindet. Soviel eigener Mut, eigene Entschlossenheit, eigene Kreativität und eigene Begeisterung liegt in der Luft, dass mensch die Frage, ob die sich befreienden Menschen hier wirklich das Maß aller Dinge sind, schnell mit einem Ja beantworten möchte. Vielleicht zu schnell.

Licht und Schatten

Es ist Samstagabend und es sieht nicht gut aus. Eine Person sitzt für wenigstens einen Monat in U-Haft und falls Staatsanwaltschaft und Gericht ihre Linie durchhalten, könnten es erheblich mehr werden. Darunter auch enge Freunde von mir, die morgen ihren Haftprüfungstermin haben sollen. Meine Nerven liegen blank. Wir sitzen etwas abseits auf der Wiese und versuchen zusätzliche Anwälte zu erreichen, was an einem Samstagabend schwierig ist. Unsere Anspannung ist groß. Hinter uns im Zirkuszelt strömen die von den Gleisblockaden zurückgekehrten Menschen zusammen. Die Stimmung dort ist ausgelassen. Abgeschnitten vom Braunkohlenachschub musste das Kraftwerk Schwarze Pumpe bis kurz vor die Abschaltung gedrosselt werden, Protestierende haben das Kraftwerksgelände geentert und noch ist unsere Aktion nicht vorbei. Wir sind eine Macht und konnten der tagtäglichen Vernichtung unserer Lebensgrundlagen zumindest eine Irritation bereiten, die zu den größten Erfolgen der zeitgenössischen europäischen Umweltbewegung zählt. Jubel dringt immer wieder an unser Ohr. So angebracht er ist, so sehr steht er im Kontrast zu unseren Sorgen und der beschissenen Situation der Leute, die die Nacht auf den Cottbuser Polizeirevieren verbringen müssen. Über den Feldern der Lausitz zeigt sich ein prächtiger Sonnenuntergang, eine Fledermaus kreist über unseren Köpfen, ein Maikäfer fliegt durchs Bild. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die sich schwer aushalten lässt.

Manche sind nach diesen Tagen emotional schwer angeschlagen von dem, was sie in der Konfrontation mit der Herrschaft erfahren mussten. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen um sie herum für sie sorgen werden. Andere stecken die Zumutungen mit einer Gewandtheit weg, die mich tief beeindruckt und mit freudiger Überraschung zurücklässt. Aus ihnen spricht die Kraft und Würde, die das gemeinsame Auf- und Widerstehen den Menschen verleiht. Die Erinnerung an zwei Frauen hat sich mir nachdrücklich eingebrannt. Die eine ließ sich beraten, welche Gefahren ein Strafverfahren für ihr Visum für Deutschland bedeuten würde. Schließlich lachte sie und meinte nur „Na, dann muss mich eben einer von meinen deutschen Freunden heiraten.“. Und meinte das genau so. Die zweite ruft am Sonntag an. Sie liegt im Krankenhaus, ihr Arm ist verletzt, ihre Leute sollen sie abholen. Nein, Sorgen brauchen sie sich nicht zu machen. Ihre Stimme ist ruhig, gefasst und entspannt, fast schon etwas schläfrig. Ihr ist vielleicht Furchtbares passiert, aber wer sie jetzt hört weiß: Es ist überstanden. Keine Macht der Welt kann ihr dieses es-überstanden-haben jetzt mehr nehmen. Auch nicht die Lausitzer Rundschau, auf deren nächster Nummer eine Überschrift von gewalttätigen Braunkohlegegnern prangen wird, ohne das ihr ein einziger Verletzter in den Reihen unserer Gegner bekannt ist.

Was bleibt?

Der Sonntagabend endet in verbreiteter Euphorie und Ausgelassenheit. Meine nun doch in die Freiheit entlassenen Freunde wiederzutreffen, während hinter uns im allgemeinen Freudentaumel getrommelt und getanzt wird, erinnert mich sehr an das Ende der „Rückkehr der Jedi-Ritter“, obwohl das Imperium nicht geschlagen ist und auch seine Macht, einen ganzen Planeten zu vernichten, nicht eingebüßt hat. Eine sehr viel kleinere Gruppe Einheimischer und Angereister feiert Pfingstmontag bei einer Andacht in Proschim weiter. Hier kommt noch einmal zur Sprache, was mir die letzten Tage immer wieder auffiel: Die gemeinsame Kraft, das zusammen Ergriffensein im Kampf für etwas, was hier sehr schön als ein „Leben Aller Menschen in Fülle und Würde“ umschrieben wird. Eine Minderheit versteht es als Teil und Ausdruck ihres christlichen Glaubens, die Gemeinsamkeit unserer Erfahrung reicht aber weit über diese Gruppe hinaus.

Wer sich in diesem Teil der Lausitz aufmerksam umsieht, wird auf den Feldern die für den Braunkohletagebau benötigten Entwässerungsbrunnen entdecken. Wirft man einen Stein in die rot-weißen Röhren hinein, braucht er drei, vier, fünf oder noch mehr Sekunden, bis er tief, tief unter den eigenen Füßen platschend ins Wasser fällt. Ein solches unter der Oberfläche verborgenes Potential ist dieses Pfingsten in unserer gemeinsamen Erfahrung aufgeleuchtet. Wir sind weit davon entfernt, die Verhältnisse zu revolutionieren und viele Fragen, wie die nach dem Verhältnis zu Kapital und Staat, sind für die Bewegung offen geblieben. Und dennoch, in unserem gemeinsamen Schritt scheint die Ahnung auf, dass nichts bleibt wie es ist, dass sich alles ändern kann, muss und wird.

Keine Atempause – Geschichte wird gemacht – es geht voran!

Schreibt den Gefangenen!

alval

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Von Prometeus zum Cyborg http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/12/08/von-prometeus-zum-cyborg/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/12/08/von-prometeus-zum-cyborg/#comments Tue, 08 Dec 2015 16:45:54 +0000 Administrator Allgemein http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/12/08/von-prometeus-zum-cyborg/ In wenigen Stunden produziertes Feature zur ambivalenten Allegorie des Prometeus‘ mit Pespektiven auf Cyborgidentität.

Prometea als Cyborg

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Donnerstag aus LICHT http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/09/19/donnerstag-aus-licht/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/09/19/donnerstag-aus-licht/#comments Sat, 19 Sep 2015 21:07:29 +0000 Administrator Allgemein http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/09/19/donnerstag-aus-licht/ Ästhetische Schlacht um das himmlische Jerusalem

„Von 1977 bis 2003 komponierte Karlheinz Stockhausen den siebenteiligen Opernzyklus LICHT. Jedem der sieben Tage der Woche ist darin eine Oper gewidmet, und in jeder Oper entwickelt sich das musikalische Spiel kosmischer Kräfte auf eine besondere, die Stel- lung des Menschen in der Welt und die Grundbedingungen seines Lebens charakterisie- rende Weise. Protagonisten des Zyklus sind Michael, Luzifer und Eva. Deren in wechseln- den Konstellationen den Gang der Woche prägendes Zusammenwirken spiegelt die Frage nach Sinn und Unsinn der Existenz des Menschen im Universum. Stockhausen begann seine Arbeit an LICHT mit der Oper DONNERSTAG, und als erstes komponierte er deren II. Akt, MICHAELs REISE UM DIE ERDE. […]

DONNERSTAG aus LICHT (1978–80) ist der Tag des Engels Michael, der sich als Trompeter inkarniert, um durch seine Musik die Menschen zu höherem Bewusstsein zu führen.

Der I. Akt „MICHAELs JUGEND“ beginnt in der eng umgrenzten Welt eines Kindes vor dem und im Zweiten Weltkrieg. In der Szene „Mondeva“ begegnet Michael der erotischen Kraft der Musik in Gestalt eines Bassetthorn spielenden Sternenmädchens. Nach drei- fachem „Examen“ wird er in die „hohe Schule der Musik“ aufgenommen.
Im II. Akt greift die Oper aus in die grenzüberschreitende Weltmusik einer „Reise um die Erde“. Der Zyklus der sieben Stationen dieses szenischen Konzerts für Trompete und Orchester führt aus dem Neue Musik-Idiom Kölns (Montag) in den konfliktreichen Jazz-Tiegel New Yorks (Dienstag), weiter in die von Zeremonial-Glocken geprägte Klangatmosphäre Japans (Mittwoch), zur Gamelan-Musik Balis (Donnerstag), durch die Streicher- und Harfen- Erotik Indiens (Freitag) und die Trommelrhythmen Zentralafrikas (Samstag) hin zur hymnischen Ankunftsmusik in Jerusalem (Sonntag). In „MICHAELs REISE UM DIE ERDE“ spiegelt sich der Gang der sieben LICHT-Opern als Ganzer. In der Wiederbegegnung mit dem Sternenmädchen („Mission“) und nach durchlittener „Verspottung“ und „Kreuzigung“ lösen sich im Formeltausch der „Himmelfahrt“ die miteinander verwobenen Melodien von Eva und Michael allmählich zu einem Triller auf.
Im III. Akt des DONNERS- TAG veranstaltet Eva ein großes „Festival“ zu „MICHAELs HEIMKEHR“ in seine himmlische Residenz. Sein Gegenspieler Luzifer versucht das Fest zu stören, aber Michael antwortet auf dessen menschenverachtende Anwürfe mit der „Vision“ seiner Berufung zur Vermittlung kosmischer und menschlicher Musik.

Die Superformel für LICHT
Das siebentägige Opern-Werk LICHT beruht auf einer „Superformel“ von drei über- einander liegenden melodischen Schichten mit individuellen Charakteristika in allen Eigenschaften der Musik. Jede Schicht bzw. Einzelformel repräsentiert einen der drei Protagonisten des Zyklus und ist auf dessen Stimmlage und Instrument zugeschnitten: Die Michael-Formel auf Tenor und Trompete, die Eva-Formel auf Sopran und Bassett- horn oder Flöte, die Luzifer-Formel auf Bass und Posaune. Jede Formel hat ihren eigenen melodischen Verlauf: Michaels dynamisch hoch differenzierte Formel steigt um eine Oktave ab; Evas melodiöse Formel steigt vor und nach einem fallenden Oktavsprung zweimal in die Höhe; Luzifers stark rhythmisch geprägte Formel springt gleich zu Anfang um eine große Septime in die Höhe, fällt wieder und bewegt sich nervös im Zickzack auf und ab. Diese Ur-Matrix des Opern-Zyklus hat die Dauer von nur einer Minute, aber aus ihr entfaltet sich ein Zyklus von sieben Opern der Wochentage mit 29 Stunden Musik.“ (Günther Peters, Programmheft der Berliner Festspiele. Musikfest Berlin 18./19. September 2015)

Analyse und Besprechung unter
http://stockhausenspace.blogspot.de/2014/09/opus-48-michaels-reise-um-die-erde.html

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Festianus, Märtyrer http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/09/09/festianus-maertyrer/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/09/09/festianus-maertyrer/#comments Wed, 09 Sep 2015 09:16:11 +0000 Administrator Fundstücke http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/09/09/festianus-maertyrer/

Ein bemerkenswertes Hörspiel von Günter Eich, dass nicht nur sehr humorvoll und kritisch den menschenverachtenden Kern der Theologie von Himmel und Hölle herausarbeitet – sondern auch mit einer überraschenden, emanzipatorischen Pointe aufwartet.

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Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/07/23/zum-verhaeltnis-von-theologie-und-marxismus-bei-helmut-gollwitzer/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/07/23/zum-verhaeltnis-von-theologie-und-marxismus-bei-helmut-gollwitzer/#comments Thu, 23 Jul 2015 11:00:41 +0000 Administrator Allgemein Religion & Kritik http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/07/23/zum-verhaeltnis-von-theologie-und-marxismus-bei-helmut-gollwitzer/ Helmut Gollwitzer

Durch Gnade zu Sinn und Praxis – Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer (Charles le Chat 7/15)

Gliederung
I Einleitung
II Leben zwischen Marx und Jesus – Biographie
III Religion und Kritik- zur Kritik an marxistischer Religionskritik
IV Messianisches Erlösungsversprechen als marxistische Hybris
V Schuld und Tod als existentielle Unveränderbarkeiten
i) Der kontroverse Tod
ii) Marxistische Anthropologie – Ein Widerspruch in sich?
iii) Was ist Schuld? – Ein Versuch
VI Sinn als Gabe und Aufgabe – Zum Verhältnis von Sinn, Leistung und Gnade
i) Verstellter Sinn – Nietzsches Nihilismus
ii) Existenz zwischen Sinn und Nutzen
iii) Sinn-Empfang als Gnade des ganz anderen Gottes
iv) Sinn als Gabe und Aufgabe – Dank als Praxis
v) „Von den Stricken meiner Sünden“
vi) Verheißung als theologisches Sinnangebot (zusammenfassendes Fazit)
VII Praxis – Marxismus und Theologie im Dialog
i) Christliche Praxis im Widerspruch
ii) Marxismus und Theologie im Denken von Gollwitzer (abschließender Befund)

PDF – Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer

I Einleitung

In der Kritik der reinen Vernunft formuliert Kant die drei Grundfragen der Philosophie: Was kann ich erkennen? Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen? (3.Bd, S. 447f.) Damit verweist er darauf, dass Erkenntniskritik (Was kann ich erkennen?) nicht losgelöst vom Bereich der Ethik (Was soll ich tun?) und Sinngebung (Was darf ich hoffen?) gedacht werden darf. Zugleich muss Erkenntniskritik sich ihrer Verschiedenheit von diesen aber bewusst auch sein. Für den marxistischen Theologen Helmut Gollwitzer ist die Sinnfrage eine religiöse, ja die Existenz von Religion begründet sich gerade in dem Bedürfnis nach Sinn. Das Besondere an der Frage nach Sinn sei nämlich, dass ihre existenzielle Dimension weder von den positivistischen Wissenschaften noch vom Marxismus überhaupt eingeholt werden könne, da sie deren Axiome notwendigerweise transzendiere. Dies wiederum bedeutet keineswegs, dass deren Erkenntnisfähigkeit irrelevant oder unbedeutend sei, es geht Gollwitzer vielmehr darum, darauf hinzuweisen, dass Sinngebung gar nicht in den „Kompetenzbereich“ von Wissenschaft fällt, da sie auf existentielle Momente des menschlichen Lebens wie bspw. Liebe, Schuld, Krankheit und Tod und damit zusammenhängend dem Bedürfnis nach Sinngebung nicht adäquat, d.h. sinn-stiftend antworten kann. Eben diese „Kompetenzüberschreitung“ kritisiert der Theologe Helmut Gollwitzer auch am messianischen Erlösungsversprechen des traditionellen Marxismus. Dieser könne seinem Anspruch, mit dem Übergang zum organisierten Kommunismus die „letzten“ Fragen und Probleme zu lösen, a priori nicht gerecht werden, da er qua seines Atheismus, auf die Problematik der Endlichkeit bzw. des Todes auf der Ebene von Sinn gar nicht anders als nihilistisch reagieren kann. Überdies macht Gollwitzer angesichts der historischen Erfahrung mit dem Realsozialismus darauf aufmerksam, zu welch radikaler Gleichgültigkeit gegen das Leben des/r Einzelnen das Fehlen von Ethik und Sinngebung in einer Gesellschaftskonzeption führen kann, deren einziges Sinn-Angebot in der Glorifizierung der „Arbeit fürs Kollektiv“ besteht: Sie verlängert das ent-individualisierte Leistungsprinzip, von dem sie vorgibt den Menschen befreien zu wollen. Die Frage, inwiefern die aufklärerische Absicht den Menschen zum „höchsten Wesen“ zu erklären bereits theoretische Schwachstellen birgt, ist für Gollwitzer dabei von Bedeutung. Nichtsdestotrotz schätzt Gollwitzer die materialistische Gesellschaftskritik in Theorie und Praxis als unverzichtbar für die nötige Herstellung einer irdischen Annäherung an das „Reich Gottes.“ Jedoch muss diese sich dabei ihrer „Illusionen“ entledigen, um angesichts des Unveränderbaren im Weltverhältnis die Arbeit am Änderbaren um so mehr intensivieren zu können. Spricht Gollwitzer vom „Marxismus“, so bezieht er sich dabei primär auf den von der frühen Sozialdemokratie um Engels, Kautsky, Bebel und Lenin u.a. vertretenen traditionellen Marxismus und dessen sowjetnahen Nachfolger_innen, deren Marxismus-Rezeptionen – jenseits von kritischer Theorie und Neuer Marx-Lektüre in den 60ern – weltweit prägenden Einfluss hatten. In diesem Sinne folge ich Gollwitzer im Rahmen dieser Arbeit, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden. Dennoch lässt sich ein Teil der geübten Kritik auch auf die kritischen Marx Aneignungen (z.B. Kurz, Heinrich, Backhaus u.a.) übertragen.
In seinem Buch „Die Marxistische Religionskritik und der christliche Glaube“ (1961) gibt er einen ersten Einblick in das Verhältnis von Theologie und Marxismus innerhalb seines Denkens, dessen tiefergehendes Verständnis Inhalt dieser Arbeit sein soll.
Zuallererst soll die Verknüpfung der beiden Pole auf biographischer Ebene nachgezeichnet werden. Daran anschließend soll das Themenfeld Religion und Kritik ausgelotet werden, in dem Gollwitzers Argumentation zur marxistischen Religionskritik aufgegriffen wird, die schließlich in einer (Selbst-)Kritik des Marxismus mündet. Indem daraufhin versucht wird, Inhalt und Qualität der von Gollwitzer postulierten existentiellen Unveränderbarkeiten am Beispiel der Schuld und des Todes nachzuspüren, wird zugleich die Kritik Gollwitzers an marxistischem Erlösungsversprechen vertieft und die Aussicht auf Gollwitzers Konzept von Sinn als „Gabe und Aufgabe“ eröffnet. Dabei wird vor allem auf Gollwitzers Ausführungen in seinem Werk „Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“ (1971) zurückgegriffen werden. Um das Verständnis dieses theologischen Ansatzes besser nachvollziehen zu können, werden die Argumentation Gollwitzers zum Verhältnis von Sinn, Leistung und Gnade ausführlich dargestellt und Form und Konsequenzen des theologischen „Sinnangebots“ besprochen. Abschließend wird versucht, eine Einschätzung zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer an Hand der Frage von gesellschaftspolitischer Praxis zu geben.

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Aufrechter Gang – Wolf Biermann und Ernst Bloch (Apercu) http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/07/16/wolf-biermann-und-ernst-bloch-kaum-ein-apercu/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/07/16/wolf-biermann-und-ernst-bloch-kaum-ein-apercu/#comments Thu, 16 Jul 2015 17:09:38 +0000 Administrator Konstellationen http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/07/16/wolf-biermann-und-ernst-bloch-kaum-ein-apercu/ Aufrechter Gang – Wolf Biermann und Ernst Bloch (Apercu)

Nach der Veröffentlichung seins Gedichtbandes „Die Drahtharfe“ 1965 ist der kritische Liedermacher Wolf Biermann mit einem DDR weiten Auftritts- und Berufsverbot belegt worden. Nachdem die IG Metall den Dichter 1976 zu einer BRD Konzerttour eingeladen hatte, erhielt Biermann am 17. November 1976 schließlich ein Wiedereinreiseverbot in die DDR und wurde offiziell ausgebürgert. Kurz vor der Ausbürgerung des Liedermachers veröffentlichte Thomas Rothschild eine Aufsatzsammlung, mit dem Ziel Leben und Werk des Liedermachers und Sozialisten Biermann kritisch und solidarisch zu würdigen.
Der Philosoph Ernst Bloch schrieb dazu das Geleitwort:

„Echter, sich kennender, sich könnender Kommunismus hat dasjenige zu sein, was unter dem Namen Moral so lange vergebens gesucht ward. Und derart hat Kommunismus das Gegenteil von terrorisierender Angst vorm Andersdenken zu sein. Wolf Biermann hat an Ort und Stelle sich nicht zur Preisgabe des Andersdenkens zwingen lassen und sich gegen die Verwaltung seiner Vorstellungen vom Kommunismus durch die Staaatsapparatur gewehrt. Seine scharf und genau bestrebten Verse wagen beim Namen zu nennen, was im Osten dem Sozialismus als Vorstufe zum Kommunismus gewalttätig in den Weg trat: Stalin und sein Erbe, das weiterhin auch über Stalin hinaus den Kommunismus so schädlich pervertiert und ihm seine propagandistische Wirkung raubt. Obwohl in entschiedener Opposition zur bürokratischen Verformung der Arbeiterbewegung, ist Biermann ihr treu geblieben und nicht zum Renegaten geworden. Ihm bliebt klar, daß die Geschichte keine unwandelbaren Gesetze kennt, also auch der sich Sozialismus nennende Staatsbürokratismus kein unveränderliches Ergebnis sozialistischen Kampfs darstellt. Sondern das Menschen hier, gerade im Kommunismus gemessen, kollektiv falsch gehandelt haben, weil sie in ihren Handlungen eine falsche Theorie entwickelten. Sozialismus selber aber ist per se wissenschaftlich, weiß also seine Gestaltungen kritisch zu prüfen, sie auf ihre realen Ursachen zurückzuführen und, wenn sie das gemeinte Zielt verfehlten, realursächlich umzugestalten. Wegen seiner Wissenschaftlichkeit kennt der Sozialismus Berichtigung und Veränderung, darum braucht er die Kritik des Andersdenkens und keine Verwaltung einer fertigen Lehre. Biermann gehört gerade als Oppositioneller zu denen, für die der Sozialismus durch Pervertierungen nicht im mindesten abgetan ist. Biermann zeigt, daß kommunistische Moral sich nicht korrumpieren lässt. Denn corruptio optimi pessima [Die Entartung des Besten führt zum Schlimmsten]. Darum sind er und seine künstlerische Arbeit wichtig.“

Den Liedermacher Wolf Biermann und den Philosophen Bloch verbindet, neben ihrer jüdischen Herkunft, biographisch der Umstand, aus Überzeugung freiwillig in die DDR übergesiedelt zu sein (Bloch 1948, Biermann 1953). Außerdem ist ihnen eine Kritik am Stalinismus gemein, wenngleich Bloch erst im Laufe der 50er inhaltlich mit Stalin – dem „ wirklichen Führer ins Glück“ (Bloch) – bzw. dem autoritären Kommunismus brach. Auf Grund seiner unangepassten marxistischen Philosophie wurde der Leipziger Philosophie-Professor Bloch 1957 schließlich zwangsemeritiert und mit Publikationsverbot belegt. In Folge dessen und angesichts des Mauerbaus kehrten er und seine Frau Karola Bloch nach einer BRD-Reise 1961 nicht wieder in die DDR zurück. Bloch verstarb im August 1977, gut ein halbes Jahr nach Biermanns Zwangsausweisung. Anscheinend sind sich Biermann und Bloch während dieses Zeitraums begegnet. Anlässlich dessen Todes schrieb Biermann ein Gedicht.

Ernst Bloch ist ja tot (in: Preußischer Ikarus. Lieder/Balladen/Gedichte/ Prosa 1977)

kurz vor dem Ende
als ich ihn endlich traf
ja, da ging es zuende
mit mir

zuletzt hatten die Jahre ihn
doch ein Stück runter: krumm
wie ein Fidelbogen, so
sah ich ihn gehen
den aufrechten Gang

kurz vor dem Ende
sah ich den Erblindeten
ja, der war blind
- sah aber durch!

bloch, seines biblischen Alters
lästige Gebrechen –er
ertrug sie
mit Lässigkeit

aber immer noch staunte der Alte
über das stein-alte Übliche
die alltägliche Gemeinheit
die gesetzestreuen Verbrechen
ihn entsetzen sie, das normale
unrecht hinzunehmen
bis an sein Ende, Bloch
hat es nicht gelernt

hilfsloser Alter, aber
so wußte er sich zu helfen
kurz vor dem Ende
mir
half er auf

Das im selben Jahr veröffentliche Lied „Deutsches Misere (Bloch-Lied)“ ist eine weitere Würdigung des Werk und Lebens von Ernst Bloch.

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Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion – Wladimir I. Lenin http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/23/uber-das-verhaltnis-der-arbeiterpartei-zur-religion-wladimir-i-lenin/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/23/uber-das-verhaltnis-der-arbeiterpartei-zur-religion-wladimir-i-lenin/#comments Tue, 23 Jun 2015 19:00:20 +0000 Administrator Allgemein Religion & Kritik http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/23/uber-das-verhaltnis-der-arbeiterpartei-zur-religion-wladimir-i-lenin/

Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion Wladimir I. Lenin, Mai 1909. (in: W.I. Lenin, Über die Religion: eine Auswahl, Berlin 1981, S. 53-66.)

- Ausgewählte Zitate -

„Die ganze Weltanschauung der Sozialdemokratie ist auf dem wissenschaftlichen Sozialismus, d.h. dem Marxismus aufgebaut. “

„ Die Religion ist das Opium des Volkes – dieser Ausspruch von Marx bildet den Eckpfeiler der ganzen Weltanschauung des Marxismus in der Frage der Religion. Der Marxismus betrachtet alle heutigen Religionen und Kirchen, alle religiösen Organisationen stets als Organe der bürgerlichen Reaktion, die die Ausbeutung verteidigen und die Arbeiterklasse verdummen und umnebeln sollen. “


„ Zugleich verurteilte Engels jedoch wiederholt die Versuche von Leuten, die ‚linker’ oder ‚revolutionärer’ sein wollten als die Sozialdemokratie, in das Programm der Arbeiterpartei ein direktes Bekenntnis zum Atheismus im Sinne einer Kriegserklärung an die Religion hineinzubringen [ …] eine solche Kriegsansage sei das beste Mittel, das Interesse für die Religion zu beleben und das wirkliche Absterben der Religion zu erschweren […] sie vermöchten nicht zu begreifen, dass allein der Klassenkampf der Arbeitermassen, der die breitesten Schichten des Proletariats allseitig in die bewusste und revolutionäre gesellschaftliche Praxis einbezieht, imstande sei, die unterdrückten Massen vom Joch der Religion wirklich zu befreien, während es eine anarchistische Phrase sei, den Krieg gegen die Religion zur politischen Aufgabe der Arbeiterpartei zu proklamieren.“

Dennoch:

„Marxismus ist Materialismus. Als solcher steht er der Religion ebenso schonungslos feindlich gegenüber wie der Materialismus der Enzyklopädisten [13] des 18. Jahrhunderts oder der Materialismus Feuerbach.“

„Wir müssen die Religion bekämpfen. Das ist das Abc des gesamten Materialismus und folglich auch des Marxismus. Aber der Marxismus ist kein Materialismus, der beim Abc stehengeblieben ist. Der Marxismus geht weiter. Er sagt: Man muss verstehen, die Religion zu bekämpfen, dazu aber ist es notwendig, den Ursprung, den Glauben und Religion unter den Massen haben, materialistisch zu erklären. Den Kampf gegen die Religion darf man nicht auf abstrakt-ideologische Propaganda beschränken, darf ihn nicht auf eine solche Propaganda reduzieren, sondern er muss in Zusammenhang gebracht werden mit der konkreten Praxis der Klassenbewegung, die auf die Beseitigung der sozialen Wurzeln der Religion abzielt. Warum findet die Religion in den rückständigen Schichten des städtischen Proletariats, in breiten Schichten des Halbproletariats und auch in der Hauptmasse der Bauernschaft noch Boden? Wegen der Unwissenheit des Volkes, antwortet der bürgerliche Fortschrittler, der Radikale oder der bürgerliche Materialist. Also, nieder mit der Religion, es lebe der Atheismus, die Verbreitung atheistischer Anschauungen ist unsere Hauptaufgabe. Der Marxist sagt: Das ist falsch. Eine solche Auffassung ist oberflächliche, bürgerlich beschränkte Kulturbringerei. Eine solche Auffassung erklärt die Wurzeln der Religion nicht gründlich genug, nicht materialistisch, sondern idealistisch. In den modernen kapitalistischen Staaten sind diese Wurzeln hauptsächlich sozialer Natur. Die, soziale Unterdrückung der werktätigen Massen, ihre scheinbar völlige Ohnmacht gegenüber den blind waltenden Kräften des Kapitalismus, der den einfachen arbeitenden Menschen täglich und stündlich tausendmal mehr entsetzlichste Leiden und unmenschlichste Qualen bereitet als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. – darin liegt heute die tiefste Wurzel der Religion. ‚Die Furcht hat die Götter erzeugt.’ Die Furcht vor der blind wirkenden Macht des Kapitals …“

„ Keine Aufklärungsschrift wird die Religion aus den Massen austreiben, die, niedergedrückt durch die kapitalistische Zwangsarbeit, von den blind waltenden, zerstörerischen Kräften des Kapitalismus abhängig bleiben, solange diese Massen nicht selbst gelernt haben werden, diese Wurzel der Religion, die Herrschaft des Kapitals in all ihren Formen vereint, organisiert, planmäßig, bewusst zu bekämpfen.“

„ Der Marxist ist verpflichtet, den Erfolg der Streikbewegung in den Vordergrund zu stellen, einer Aufspaltung der Arbeiter in diesem Kampf in Atheisten und Christen entschieden entgegenzuwirken und gegen eine solche Aufspaltung entschieden zu kämpfen. Atheistische Propaganda kann unter diesen Umständen ganz überflüssig, ja schädlich sein – nicht vom Standpunkt spießerlicher Erwägungen über die Abschreckung der rückständigen Schichten, über einen Mandatsverlust bei den Wahlen usw., sondern vom Standpunkt des wirklichen Fortschritts des Klassenkampfes, der unter den Verhältnissen der modernen kapitalistischen Gesellschaft die christlichen Arbeiter hundertmal besser zur Sozialdemokratie und zum Atheismus führen wird als die bloße atheistische Propaganda.“

„Ein Anarchist der den Krieg gegen Gott um jeden Preis predigt, würde dadurch in Wirklichkeit den Pfaffen und der Bourgeoisie helfen (wie ja die Anarchisten in Wirklichkeit stets der Bourgeoisie helfen). Ein Marxist muss Materialist sein, d.h. ein Feind der Religion, doch ein dialektischer Materialist, d.h. ein Materialist, der den Kampf gegen die Religion nicht abstrakt, nicht auf dem Boden einer abstrakten, rein theoretischen, sich stets gleichbleibenden Propaganda führt, sondern konkret, auf dem Boden des Klassenkampfes, wie er sich in Wirklichkeit abspielt, der die Massen am meisten und am besten erzieht. Ein Marxist muss es verstehen, die ganze konkrete Situation zu berücksichtigen […]“

„Kann man unter allen Umständen Mitglieder der sozialdemokratischen Partei in gleicher Weise verurteilen, wenn sie erklären: ‚Der Sozialismus ist meine Religion’ […]? Nein. Eine Abweichung vom Marxismus (und folglich auch vom Sozialismus) liegt hier zweifellos vor, aber […] eine Sache ist es, wenn ein Agitator oder jemand, der vor Arbeitermassen auftritt, so spricht, um verständlicher zu sein […] Eine andere Sache ist es, wenn ein Schriftsteller beginnt, ‚Gottbildnertum’ oder einen gottbildnerischen Sozialismus zu predigen (im Sinne etwa unserer Lunatscharski und Co.). […] Die These ‚Der Sozialismus ist eine Religion’ ist für die einen eine Form des Übergangs von der Religion zum Sozialismus, für die anderen – vom Sozialismus zur Religion.“

Charles le chat

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Franz von Assisi – Gehorsam als Herrschaftskritik? http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/22/franz-von-assisi-gehorsam-als-herrschaftskritik/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/22/franz-von-assisi-gehorsam-als-herrschaftskritik/#comments Mon, 22 Jun 2015 15:59:30 +0000 Administrator Geschichte http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/22/franz-von-assisi-gehorsam-als-herrschaftskritik/ Die Vogelpredigt

Franz von Assisi – Gehorsam als Herrschaftskritik?

„Die Brüder sollen keine Machtpositionen und kein Herrscheramt besitzen, vor allem nicht untereinander“ heißt es in einer Ordensregel der Franziskaner-Bruderschaft. Der Frage in welchem Zusammenhang diese Bestimmung mit dem Ideal des radikalen Gehorsams steht, widmet sich die folgende Betrachtung.

Giovanni Battista Bernardone wurde 1181/82, je nach Zeitrechnung der zugrundeliegenden Quelle, in der Stadt Assisi in Umbrien als Sohn eines einflussreichen Kaufmanns geboren, dessen französischen Handelsbeziehungen der Sohn seinen Spitznamen Fransceso –Französchen- verdankt, der ihn als Franz von Assisi später sehr berühmt werden ließ.
Doch zuvor noch ein Wort zur Quellenlage. Für das Mittelalter relativ unüblich ist der Quellenbestand zu Franz von Assisi relativ breit. Schon zu seinen Lebzeiten wurden von verschiedenen Seiten her Viten und Legenden verfasst und auch Franziskus selbst nahm Einfluss auf das von ihm entworfene Bild. Nach seinem Tod wurde Bruder Thomas von Celano mit dem Schreiben einer Vita beauftragt, dieser wurde aber schließlich mit Hilfe einer Neufassung durch Bonaventura ihre (politische) Berechtigung abgesprochen. Neben überlieferten Schriften aus der Hand von Franziskus selbst, entstanden durch ehemalige Mitbrüder parallel noch zahlreiche weitere Franziskus-Viten, die jeweils aus einer bestimmten Absicht heraus geschrieben spezifische Begebenheiten verstärkten oder wegließen, sodass sich die Forschung seit dem 19. Jh. einem höchst komplexen, häufig widersprüchlichem Geflecht von Berichten über Franziskus gegenübersieht, das die Beantwortung der sogenannte „Franziskusfrage“ (Wer und wie war Franz von Assisi nun wirklich?) enorm erschwert. Vor diesem Hintergrund müssen nun auch alle folgenden Darstellungen betrachtet werden.

Unbefriedigt vom verschwenderischen Lebensstil seiner Jugend und einigen erfolglosen Versuchen über militärische Ruhm (in Perugia und Apulien) in den Adelsstand erhoben zu werden, hatte der später Franz von Assisi genannte Sohn eines Tuchhändlers ein religiös-ekstatisches Erweckungserlebnis dessen Folge ein grundsätzlicher Lebenswandel war. Franz von Assisi brach mit seiner bürgerlichen Existenz und Herkunft, verschenkte all sein Hab und Gut, verzichtete auf sein Erbe und entschloss sich dazu ein Leben in selbstgewählter Armut zu führen. Gekleidet als Bettler machte er in Rom Erfahrungen mit der Hartherzigkeit der zu den Aposteln eifrig bettenden Pilger. Gemeinsam mit einem weiteren früheren Erweckungserlebnis durch die Kreuzesikone der Kirche von San Damiano, in dem Jesus zu ihm gesagt haben soll: „Franziskus, geh hin und baue mein Haus wieder auf, das, wie du sieht, ganz verfallen ist,“ bestärkte ihn dies in seiner Überzeugung der grundsätzlichen Reformbedürftigkeit der christlichen Welt und der Kirche im Besonderen. Mit der Zeit hatten sich ihm einige andere Unzufriedene angeschlossen, unter ihnen nicht wenige Söhne reicher Herkunft. Gemeinsam verpflichteten sie sich dem Ideal der Armut und zum radikalen Bruch mit allen sozialen Bindungen und zogen vagabundierend und predigend umher. Dass sie dabei als Laien predigten war ein Bruch mit herrschenden Konventionen. Viel ungeheuerlicher aber war, dass sie dem Volk die Brisant und Aktualität des Evangeliums nahe bringen wollten, indem sie dies in der Volkssprach, d.h. auf Italienisch verkündeten. Zudem ist das Armutsideal ist keineswegs mit einer Romantisierung von Not, Entbehrung und der damit einhergehenden Unfreiheit zu verwechseln. Vielmehr ging es Franziskus um den freiwilligen Verzicht auf materiellen Besitz, von dem er sich eine neue spirituell-geistige Freiheit versprach. Die Formulierung „vivere sine proprio“ (ohne Eigentum leben) findet sich in vielen seiner Schriften und bezieht sich sowohl auf den persönlichen als auch auf den kollektiven Besitz. So auch im 6. Kapitel der bestätigten Regel der Minderen Brüder: „Die Brüder sollen sich nichts aneignen, weder Haus noch Ort noch irgendeine Sache. […] Dies ist jene Erhabenheit der höchsten Armut, die euch, meine geliebtesten Brüder, zu Erben und Königen des Himmelreiches eingesetzt, an Hab und Gut arm gemacht, durch Tugenden geadelt hat“. Franziskus bezieht sich hierbei auf Mt 19,21, wo Jesu dem reichen Jüngling sagt: „wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ Die Absage an das „fleischliche“, d.h. Besitz auf Mensch und Dinge beanspruchende, Leben ist aber kein (moralischer) Zweck in sich, sondern geschieht dem Vorbild der Selbsthingabe Gottes in Jesu folgend um „der Armen willen“. Für den „Poverello“ muss die freiwilliger Verzicht daher auch mit einer identifizierenden Solidarität mit den Armen einhergehen: Die Brüder „gehen betteln“ (vadant pro eleemosyniis) nicht nur um die eigenen Bedürfnisse zu stillen, sondern vor allem auch die der anderen – im 9. Kapitel der Nichtbestätigten Regel nennt Franziskus mit „despecta personas“ (von geringer Herkunft), „pauperes“ (die nicht für sich selbst sorgen können) „debiles“ (Schwache) und „leprosos“ (Aussätzige) u.a. gleich eine ganze Reihe von unterschiedlich Bedürftigen, denen es zu helfen gilt.
Die radikale Selbstunterwerfung in materieller Armut geht außerdem mit einer radikalen geistigen Bescheidung, der Heiligen Einfalt (Sancta Simplicitas) einher. Ausgehend von dem Gedanken, dass materielle Armut äußerlich bleibt, wenn der Mensch innerlich-geistig immer noch ausschweifend lebt – in Franziskus Worten noch „reich“ ist, – verpflichten sich die Brüder in radikaler Demut zum Verzicht auf Bücher und gelehrtes Studium. Das einzige Exemplar des Neuen Testaments verschenkt Franziskus der Legende nach an die notleidende Mutter eines Bruders. Ein weiteres Motiv der intellektuellen Selbstbescheidung ist sicherlich auch Franziskus Misstrauen gegen Theologie und Wissenschaft, sowie die Einschätzung, dass der Besitz von Büchern und Wissen häufig dazu beitrage Machtpositionen aufzubauen. Geeint in der Überzeugung, dass ein gottgefälliges Leben in der Nachfolge Jesu nur im absoluten Gehorsam gegen Gott und daher in völliger Gleichheit der Brüder – dem Beispiel der Jünger Christi folgend – möglich ist, scheint es als ob die Brüder mit den biblischen Verheißungen „Selig sind die Armen“ und „die Letzten werden die Ersten sein“ wirklich ernst machen, indem sie selbst radikal erniedrigen. Sie bezeichnen sich daher als „Minderbrüder“, nicht zuletzt auch um sich von anderen, weniger radikalen Armutsbewegungen abzugrenzen. Der Wille zum absoluten Gehorsam geht dabei mit einer „Abstinenz“ gegenüber allen Formen von irdischer Herrschaft einher und so soll es auch in der Bruderschaft keine Herrschaft durch Über- oder Unterordnung geben. „Herr, meine Brüder sind deshalb geringere genannt worden, dass sie sich nicht anmaßen größere zu werden, ihrer Berufung lehrt sie unten zu bleiben und gestattet auf gar keinen Fall, dass sie in den Hochklerus aufsteigen.“ Als die Anzahl der Brüder wächst, wird es allerdings nötig einige verwaltende Ämter einzuführen, wenngleich die Bruderschaft weiterhin keineswegs über materielle Besitzungen, wie Wohnanlagen, Kirchen, Ländereien u.ä. verfügt. Franziskus willigt ein die Ämter des „guardiano“ (Beschützer) und des „Minister“ (Diener) einzusetzen, betont in diesem Zusammenhang allerdings nocheinmal: „Die Brüder sollen keine Machtpositionen und kein Herrscheramt besitzen, vor allem nicht untereinander“. Da es aber nötig sei Amtsträger einzuführen, hätten diese ihren Mitbrüdern mit „brüderlicher Liebe“ zu begegnen. Zugleich verpflichtete er gerade die Amtsinhaber zu noch radikaleren Selbsterniedrigung („der Oberste soll ganz unten stehen“), wodurch die formal bestehende Gehorsamspyramide massiv konterkariert wird. Dass sein Konzept des wahren Gehorsams subversive Elemente beinhaltet und gegenüber der römischen Kirche in manchen Augen den Charakter einer „Anti-Verfassung“ hat, muss er schon zu Beginn seines Lebenswandels erfahren. Nach einigen Streitigkeiten mit lokalen kirchlichen Vertretern wendet sich Franziskus 1209 an Papst Innozenz III. und erhofft von ihm eine Bestätigung seiner Lebensführung. Die Quellen berichten von einem regelrechten Eklat, als die barfüßigen und in Lumpen gekleideten Brüder und Franziskus den hochdekorierten Prälaten entgegentreten und letzterer dem Papst seine „Regeln“ überreicht. Dieser auf Zitaten aus den Evangelien beruhende Regelkatalog („Satzung“) vertrat die Position, dass einer Nachfolge Jesu einzig ein Leben in absoluter Armut gerecht werden könnte und übte damit nicht nur implizit eine Kritik am Lebensstil der etablierten Kirche. Dass sich die Regeln dabei auf die Bibel stützte, brachte Prälaten und Papst in die Verlegenheit, bei einer Ablehnung dieser radikalen Lebensweise als unrealistisch oder falsch sich zugleich an der Wahrheit des Evangeliums zu versündigen, sodass der Papst – nach einem visionshaften Traum -die Regeln der Bruderschaft letztendlich bestätigte, allerdings nicht ohne sich davor ihm gegenüber Gehorsam schwören zu lassen. Die Anerkennung diente zweifellos vor allem der politischen Integration der Armutsbewegung, wie sie am Lebensende Franziskus’ gegen sein Willen durch die päpstlich gesteuerte Umwandlung der Bruderschaft in einen Orden schließlich auch vollzogen wurde. Dabei hatte Franziskus inspiriert durch sein Erlebnis in San Damiano ja zeit seines Lebens auf eine Reform der Kirche gezielt, mit Hilfe derer er schließlich die ganze Christenheit zu einem gottgefälligen Leben in tiefster Demut führen wollte. Zugleich betont muss werden, dass er sich mit seinem Plädoyer für die Armut als neue Freiheit sich weniger gegen die Reichen als vielmehr an die Reichen wandte. In diesem Kontext ist auch die Regel „ Jeder, der zu den Brüdern kommt, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber soll mit Güte empfangen werden“ zu verorten. Interessant ist außerdem, dass er seine „Regeln“ weitestgehend als freiwillige verstand und tw. flexibel handhabte, was damit dem Verständnis eines institutionalisierten, für alle verbindlichen Ordensregelwerks (inklusive Sanktionen bei Nichtbefolgung) entgegenstand. Dies änderte sich erst mit der Bestätigung „Regula bullata“ (Bestätige Regel) im Jahre 1223, als der Orden schon auf mehr als 5000 Mitglieder angewachsen war. Inwiefern diese den Intentionen von Franziskus entgegenstand ist umstritten. Während einer mehrjährigen Abwesenheit des Ordensgründers hatte die papstnahe Fraktion der Franziskaner eine grundlegende Reform des Bruderschaft eingeleitet, welche der Radikalität der mönchischen Lebensweise ihren Stachel nehmen sollte. Zugleich hat Franziskus nachweislich an der Verfassung der Regula Bullata mitgewirkt. Sein Testament von 1226 kann insofern auch als Versuch verstanden werden die kodifizierten Regeln noch einmal stärker in Richtung der ursprünglichen Lebensweise radikaler Freiheit in Armut zu deuten, aber auch diese Deutung ist umstritten. Nach seinem Tod hat sein einflussreicher Interessengegner, der Schutzbefohlene des Ordens Kardinal Hugolino von Ostia als späterer Papst Gregor IX. die aufrührerischen Implikationen des Testaments durch eine Bulle juristisch außer Kraft gesetzt. Inwiefern Franziskus’ Überzeugungen übrigens von den Schriften bzw. der Rezeption der Schriften von Joachim di Fiore beeinflusst worden sind, kann an dieser Stelle nicht besprochen werden.
Geschwächt vom hartem Leben in Armut und einer Augenkrankheit (deren Therapie: Ausbrennen der Schläfen mit glühendem Eisen (!) nicht richtig anschlug), die er sich wahrscheinlich auf seiner Ägyptenreise 1219 zugezogen hat – er versuchte u.a. zwischen dem Sultan Malek el-Kamil, dem militärischen Führer Ägyptens und der Partei der Kreuzzügler vermittelnd, aber missionierend für „Frieden“ zu werben – zieht Franziskus sich im Frühjahr 1224 auf den Berg La Vena zurück, macht eine letzte Pilgerwanderung durch Italien und stirbt am 3. Oktober 1226. An seinem Leichnam sind angeblich die Wundmale Christi deutlich zu erkennen. Damit wird er zum ersten urkundlichen „Stigmatisierten“ der christlichen Geschichte, was zu seinem vor allen von den späten Quellen (den fioretti) geprägten Ruf als „zweiter Christi“ (Helmut Fendt) und seiner Heiligsprechung 1228 entscheidend beiträgt.
Schon während seiner Lebzeiten, aber umso stärker nach seinem Tod entwickelten sich verschieden Lager innerhalb der Franziskaner. Während den „Konventualen“ die Lebensweise ihres Gründervaters zu radikal erschien und diese am Umbau des Bruderschaft in einen hierarchischen Orden mit eigenen Besitzungen arbeiteten, hielten die „Spiritualen“ am Gelöbnis der Armut weiter fest. Dass sich die Konventualen im Laufe der Zeit durchsetzten (und ihre Gegner mit Hilfe des Papstes 1317 sogar zu Häretiker erklärten), führte schließlich auch dazu, dass Bonaventura von Bagnoregio ab 1257 Generalminister der Franziskaner, dazu ermächtigt wurde eine verbindliche Vita des Franziskus zu schreiben, die bis in 19. Jh. hinein das Bild von Franziskus maßgeblich geprägt hat. Mit Bonaventuras Beauftragung ging der Befehl einher, alle anderen, mittlerweile zahlreich entstandenen Viten und Legenden des Franziskus zu vernichten. Dem Umstand, dass sich viele der Mitbrüder daran nicht gehalten haben, verdankt die heutige Franziskus-Forschung ihre breite Quellenlage.
Auch wenn es Franziskus wohl nicht geschafft hat die Kirche und damit die Welt seinen Vorstellungen gemäß nachhaltig zu verändern, haben sich doch bis in unsere Zeit hinein einige seiner Gedanken und Werkte gehalten. Zum Beispiel die berühmte Meditation: „Der Sonnengesang des Heiligen Franziskus“, die er noch kurz vor seinem Tod im Herbst 1226 aufzeichnete und damit wohl die erste große Dichtung auf Italienisch schuf. Der Sonnengesang ist heute in veränderter Form (unter dem Titel „Laudato sii“) noch in einigen Kirchengesangsbüchern zu finden. In diesem drückt sich eine weitere radikale Haltung des Franziskus aus: und zwar die der Gleichheit aller Kreaturen und der damit einhergehende Glaube an die kommende Erlösung aller Wesen der Schöpfung. Dieses innige Naturverhältnis drückte Franziskus praktisch in Liebe zu Insekten und Pflanzen, in Tierbefreiungsaktionen (!) und auch in seiner berühmten „Vogelpredigt“ (zu Vögeln gesprochen) aus. Aber auch in den Formulierungen des Sonnengesangs: „Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfe, zumal dem Herrn Bruder Sonne […], Bruder Wind […] Schwester Mond […] Schwester Wasser […] Bruder Feuer […] Schwester (!) Tod (!)“ wird deutlich, dass er alle Phänomenen der Schöpfungen als von Gott beseelt begreift und ihnen die gleiche Würde zuschreibt, was ihn dazu führt die Herrschaft der Menschen über andere Kreaturen grundsätzlich abzulehnen. Ob er in Konsequenz dessen auch vegan oder vegetarisch gelebte ist mir nicht bekannt. Ein schöne Anekdote verdeutlich seinen allumfassenden Erlösungsglauben: 1223 inszeniert er eine Weihnachtsmesse mit einer unter einem Felsvorsprung stehenden Krippe und zwei echten Tieren (Ochs und Esel). Der Realitätsaspekt des Szenenspiels soll außerdem deutlich machen: Bethlehem ist auch hier bei Euch in Grecchio – also handelt auch demgemäß! Ein weiteres Moment, das bis in unser Alltagsverständnis überdauert hat, ist ein sprachliches: Der „Kadavergehorsam“. Gefragt wie den die Organisation der Bruderschaft nun konkret stattzufinden habe, antwortet Franziskus der Überlieferung nach: „Nimm einen Leichnam, lege ihn hin wo du willst, er leistet keine Widerstand und beschwert sich auch nicht wo du ihn hingelegt hast“. Das Bild der Leiche gibt einen Eindruck, wie ernst es Franziskus mit dem Ideal der Armut meinte: erst der vollkommen Gehorsame ist wirklich arm. Diese Preisgabe des eigenen (gottfernen) Willens ist für ihn die Konsequenz aus der Ursünde Adams: dem Ungehorsam. Inwiefern sich diese Vorstellung theoretisch mit einer Kritik an Herrschaft verbinden lässt, müsste noch ausführlicher diskutiert werden, praktisch scheint sie sich jedoch in gewissen Maßen umgesetzt zu haben.
Die praktizierte Ablehnung von Eigentum, das Leben in gemeinschaftlicher Gleichheit und der Dienst an den Armen, können als ein Angriff auf die irdische Einrichtung religiöser und weltlicher Herrschaft verstanden werden, deren Begründung in einem absoluten Gehorsam gegenüber Gott liegt. Die praktizierte Demut ist freiwilliger Gehorsam und begründet sich in der franziskanischen Überzeugung Umkehr und Buße (metanoia) seien nötig, um Gottes Willen gemäß zu leben und seine Schöpfung als heilige ehren zu können. Die Veränderung des (religiösen) Bewusstsein verweist die Gläubigen daher auf eine veränderte Praxis. Gerade der Bezug auf die evangelischen Quellen wird daher Anlass einer Kritik der demutsarmen Institution Kirche, ihrer Akteure und der ihnen verpflichteten Gläubigen. Die Praxis dieser sich auf das Evangelium berufenden Christen scheint Franziskus fern von einem Nächstenliebe praktizierenden Leben in besitzloser Gemeinschaft. Sein Gehorsam gegen Gott speist damit einen grundsätzlichen Ungehorsam gegen die gottferne Einrichtung der Welt, wenngleich sich Franziskus am Ende seines Lebens mit dieser doch auch arrangiert.

Nicht unerwähnt bleiben soll allerdings die für seine Zeit und Position sicher nicht untypische, aber dennoch tiefst problematische misogyne Haltung des späteren Heiligen. Im Kontakt zu Frauen meinte er eine grundsätzliche Gefahr für die Radikalität seines auch zölibateren Lebenswandels zu erkennen, sodass er seinen Brüdern riet sich vor dem Umgang mit Frauen und ihrem „bösen Blick“ zu hüten. Dies muss 1211 in gewisser Weise auch die Adelstochter und spätere Heilige Clara von Assisi erfahren, deren Wunsch sich dem „Ordo fratrum minorum“ anzuschließen von Franziskus abgelehnt und zugleich zur Grundlegung einer klausurierten Frauengemeinschaft in San Damiano wird.

Neben der Stadt San Fransisco, die dem Heiligen ihren Namen verdankt, hat sich 2013 Jorge Mario Kardinal Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst in Anlehnung an den Poverello den Namen Franziskus gewählt. Welche politischen Konsequenzen diese Selbstbezeichnung hat, bleibt abzuwarten. Vielleicht vermag die postume Rehabilitierung und Seligsprechung des ermordeten Befreiungstheologen Oscar Romero einen Hinweis darauf zu geben.

Dieser Text ist inspiriert von Rüdiger Achenbachs fünfteiliger Featurereihe zu Franz Assisi die Anfang Juni 2015 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Siehe: http://www.deutschlandfunk.de/franziskus-von-assisi-teil-1-die-suche-nach-dem.886.de.html?dram:article_id=321956

Quellen:
Veit-Jakobus Dieterich, Franz von Assisi, Reinbeck bei Hamburg, 1995
Helmut Feldt, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994
Helmut Feldt Franziskus von Assisi. München 2001
Klaus Reblin, Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder. Göttingen 2006

Charles le chat

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Methodik http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/20/methodik/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/20/methodik/#comments Sat, 20 Jun 2015 13:35:42 +0000 Administrator Fundstücke http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/20/methodik/ „Du gewinnst Deine Einsichten nicht etwa durch eine strenge Anwendung einer materialistischen Methode, sondern vollständig unabhängig davon […] durch ein Spiel mit den Zweideutigkeiten und Interferenzerscheinungen dieser Methode“ (Sholem, Brief an Benjamin, S.526)

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Zum Verhältnis von Theologie und materialistischer Gesellschaftsanalyse bei Walter Benjamin http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/20/zum-verhaeltnis-von-theologie-und-materialistischer-gesellschaftsanalyse-bei-walter-benjamin/ http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/20/zum-verhaeltnis-von-theologie-und-materialistischer-gesellschaftsanalyse-bei-walter-benjamin/#comments Sat, 20 Jun 2015 13:28:23 +0000 Administrator Religion & Kritik http://maulwurfsmanuskripte.blogsport.de/2015/06/20/zum-verhaeltnis-von-theologie-und-materialistischer-gesellschaftsanalyse-bei-walter-benjamin/ „Mein Denken verhält sich zur Theologie wie das Löschblatt zur Tinte. Es ist ganz von ihr vollgesogen. Ginge es aber nach dem Löschblatt, so würde nichts was geschrieben ist, übrig bleiben“ (Anmerkungen zu Thesen Über den Begriff der Geschichte, N7 a, 7) schreibt Walter Benjamin in seinen Vorarbeiten zu den Geschichtsthesen. In der ersten der Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ charakterisiert er das Verhältnis von Theologie und materialistischer Gesellschaftsanalyse in seinem Denken dann noch deutlicher: „Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasser- pfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man >historischen Materialismus< nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ Die Bezugnahme des an Marx geschulten Philosophen Benjamin auf Theologie mag auf den ersten Blick seltsam anmuten. Hatte Marx doch bereits in einem sehr frühen Text „ die Kritik der Religion für im wesentlichen beendet“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: »Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844, S. 378) erklärt und gerade den Verhältnissen, die der Religion bedürften den Kampf angesagt. Zugleich gibt Marx im selben Text am Beispiel der Reformation wage Hinweise auf die Bedeutung mancher Auseinandersetzungen im religiösen Diskurs im Feld des Klassenkampfs, wenngleich er die Theologie verdächtigt für das Scheitern des Bauernkrieg, „der radikalsten Tatsache der deutschen Geschichte“ verantwortlich zu sein. Neben der vulgärmarxistischen Fixierung der Notwendigkeit innerhalb geschichtlicher Entwicklung, deren fortschrittsgläubige Teleologie an Gewissheit den christlich-chiliastischen Heilversprechen durchaus das Wasser reichen kann, sind auch für profundere Marx-Kenner_innen die Momente von Hoffnung und säkularisiertem Erlösungsversprechen konstitutive Bestandteile ihres Weltverhältnisses, auch wenn sich letztere dasselbe oft kaum so offen eingestehen wollen wie Ernst Bloch es Zeit seines Lebens vertreten hat.
Wenn Benjamin der Theologie nun eine Relevanz für sein Denkens attestiert, bezieht er sich dabei vor allem auf eine Spielart der jüdischen Theologie, deren progressive Momente er innerhalb seines Denkens im Hegelschen Sinn des Wortes „aufheben“ will, wie das Bild des Löschblatts deutlich macht. Unter Einfluss seines Freundes Gershom Scholem bezieht sich Benjamin dabei stark auf die kabbalistische Tradition innerhalb der jüdischen Theologie, deren Gedanke der Erlösungsbedürftigkeit der Welt ihn sehr fasziniert. Entgegen den herrschaftskonformen Traditionen christlicher Theologie betont diese die Innerweltlichkeit („auf dem Schauplatz der Geschichte“) der messianischen Erlösung d.h. der Wiederherstellung der zerbrochene Einheit von Mensch, Natur und Gott und verweist dabei zugleich auf die Spontanität und zeitliche Unbestimmbarkeit des Auftretens des Erlösers, wodurch prinzipiell jeder Augenblick mit messianischer Kraft aufgeladen wird und in Benjamin Verständnis jedem Moment eine revolutionäre Möglichkeit innewohnt. Sowohl die „Aktualität“ des Erlösungsversprechens als auch die grundsätzliche Offenheit des historischen Verlaufs sind für Benjamin von entscheidender Bedeutung in seiner Kritik am teleologischen Fortschrittsglauben der Sozialdemokratie, sodass Theologie als kritisches Korrektiv der in formelhafter Erstarrung begriffenen Geschichtsphilosophie des Historischen Materialismus fungiert. Zugleich aber ist der jüdische Messianismus zu tiefst passiv, in dem Sinne, dass die aktive Herbeiführung des Messias bzw. der Erlösung mit menschlichen Mitteln als unmöglich bzw. sogar als gotteslästerlich kritisiert wird, wie bspw. die Kritik religiöser Fundamentalisten an den Bestrebungen zum Aufbaus eines jüdisch-zionistischen Staates in Palästina zu Beginn des 20. Jhs. gezeigt hat. Mit Perspektive auf politische Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt zeigt sich für Benjamin wiederum wie wichtig es ist der Passivität der Akteure im Messianismus den marxistischen Begriff der revolutionären Praxis entgegenzustellen, sodass auf dieser Ebene nun der Marxismus als Korrektiv der Theologie gedeutet werden kann. Genau diese spannungsvollen Konstellation von materialistischer Kritik und Theologie – oder in Blochs Worten im Delta von „Kälte“- und „Wärmestrom“- , die weder grundsätzlich voneinander geschieden noch in voller Übereinstimmung gedacht werden können nun bewegt sich Benjamin Denken. Vor diesem Hintergrund erhellt sich auch das oben zitiertes Bild des unschlagbaren „Schachautomaten,“ dessen Funktionsweise als innere Angewiesenheit von Theologie und Marxismus entschlüsselt wird, die sich erst in der Konfrontation miteinander bzw. ihrem Zusammenspiel aus ihrer gleichsam erstarrten, verdinglichten Form (Benjamin verdeutlicht dies sowohl in der Darstellung der Theologie als „hässlicher Puppe“ und indem er historischen Materialismus in Anführungszeichen setzt) erlöst werden und zur unbesiegbaren revolutionären Einheit zusammenschießen.
Bereits 1921 schreibt Benjamin in seinem Theologisch-politischem Fragment: „die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks“. Im Begriff des Glücks erkennt er dabei den säkularisierte Gehalt des theologischen Erlösungsbegriffs. Dies lässt sich als „Indienstnahme der Theologie für den Materialismus“ (Jähn) deuten, zugleich lässt Benjamin bereits an dieser Stelle keinen Zweifel daran, dass die messianische (Wieder-)Herstellung der metaphysischen Einheit und die Einrichtung der klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft keineswegs in eins fallen. Vielmehr sei letztere „keine Kategorie des Reichs“, sondern nur „eine Kategorie seines leisen Nahens“ (Theologisch-politisches Fragment, S. 262). Das messianische Reich liegt demgemäß außerhalb der Geschichte und die historische Erfahrung im emphatischen Sinne d.h. als „Zusammenschluss diskontinuierlicher Wirklichkeiten zu einem Kontinuum in dem alles Geschichtliche präsent ist“ (Jähn) verwirklicht sich innerweltlich notwendigerweise begrenzt. In diesem Sinne scheint Benjamins Kommentar „Marx hat in der Vorstellung der klassenlose Gesellschaft die Vorstellung der messianischen Zeit säkularisiert“ (Vorarbeiten zu Thesen, XVIIa) wohl auch eine unterschwellige Kritik am Abschneiden des metaphysischen Gehalts religiöser Heilserwartungen durch die materialistische Religionskritik innezuwohnen und dabei zugleich auf das begrenzte realite Erlösungsvermögen des auf den Schauplatz der Geschichte bezogenen messianischen Marxismus hinweisen zu wollen. „Im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die es uns verbietet, die Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen, so wenig wir sie in theologischen Begriffen schreiben dürfen“ (N8,1).

Offen bleibt an dieser Stelle freilich, wie sich das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz der Erlösung bei Benjamin genauer bestimmt.
Anders gefragt: Wenn Benjamin angesichts der Ahnung einer messianischen Erlösung der Menschheit außerhalb der Geschichte um die irdische Beschränkheit der kommunistischen Revolution weiß, inwiefern gelingt es ihm dann diesen Widerspruch zusammenzudenken? Welche Art der Vermittlung oder Vorrangigkeit besteht zwischen immanenter und transzendenter Erlösung? Diese Frage verweist m.E. nach auf eine ungelöste Leerstelle im Denken Benjamin, die viel weniger als blinder Fleck denunziert, denn als geschichtsphilosophische Aporie zu deuten wäre. Denkbar ist es, dass er seine Forderung angesichts des katastrophalen Fortschritts die „Notbremse“ zu ziehen in vollster Überzeugung auf den „Schauplatz der Geschichte“ bezogen wissen will und sich primär als historischen Materialisten versteht. Zugleich aber mag ihm durch seine theologischen und ästhetischen Studien eine einsichtige Ahnung gekommen sein, die ihn nie wieder richtig loslassen sollte und die zu verleugnen er sich nicht mehr im Stande wusste, so wenig er mit ihr angesichts des realen materiellen Elende hausieren gehen wollte: die Endlichkeit irdischer Versöhnungshoffnung.

- Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. Werke und Nachlass – Kritische Gesamtausgabe, Bd. 19. Hrsg. von Gérard Raulet. Suhrkamp, Berlin 2010 (Enthält alle überlieferten Fassungen sowie Entwürfe, Varianten, Erläuterungen, Kommentare, Dokumente.)

- Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, 1976, 378-391.

- Sebastian Jähn: Messianischer Materialismus. Zum Verhältnis von Theologie und Historischem Materialismus bei Walter Benjamin (unveröffentl. Studienarbeit) Frankfurt-Oder

Charles le chat

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