Donnerstag aus LICHT

Ästhetische Schlacht um das himmlische Jerusalem

„Von 1977 bis 2003 komponierte Karlheinz Stockhausen den siebenteiligen Opernzyklus LICHT. Jedem der sieben Tage der Woche ist darin eine Oper gewidmet, und in jeder Oper entwickelt sich das musikalische Spiel kosmischer Kräfte auf eine besondere, die Stel- lung des Menschen in der Welt und die Grundbedingungen seines Lebens charakterisie- rende Weise. Protagonisten des Zyklus sind Michael, Luzifer und Eva. Deren in wechseln- den Konstellationen den Gang der Woche prägendes Zusammenwirken spiegelt die Frage nach Sinn und Unsinn der Existenz des Menschen im Universum. Stockhausen begann seine Arbeit an LICHT mit der Oper DONNERSTAG, und als erstes komponierte er deren II. Akt, MICHAELs REISE UM DIE ERDE. […]

DONNERSTAG aus LICHT (1978–80) ist der Tag des Engels Michael, der sich als Trompeter inkarniert, um durch seine Musik die Menschen zu höherem Bewusstsein zu führen.

Der I. Akt „MICHAELs JUGEND“ beginnt in der eng umgrenzten Welt eines Kindes vor dem und im Zweiten Weltkrieg. In der Szene „Mondeva“ begegnet Michael der erotischen Kraft der Musik in Gestalt eines Bassetthorn spielenden Sternenmädchens. Nach drei- fachem „Examen“ wird er in die „hohe Schule der Musik“ aufgenommen.
Im II. Akt greift die Oper aus in die grenzüberschreitende Weltmusik einer „Reise um die Erde“. Der Zyklus der sieben Stationen dieses szenischen Konzerts für Trompete und Orchester führt aus dem Neue Musik-Idiom Kölns (Montag) in den konfliktreichen Jazz-Tiegel New Yorks (Dienstag), weiter in die von Zeremonial-Glocken geprägte Klangatmosphäre Japans (Mittwoch), zur Gamelan-Musik Balis (Donnerstag), durch die Streicher- und Harfen- Erotik Indiens (Freitag) und die Trommelrhythmen Zentralafrikas (Samstag) hin zur hymnischen Ankunftsmusik in Jerusalem (Sonntag). In „MICHAELs REISE UM DIE ERDE“ spiegelt sich der Gang der sieben LICHT-Opern als Ganzer. In der Wiederbegegnung mit dem Sternenmädchen („Mission“) und nach durchlittener „Verspottung“ und „Kreuzigung“ lösen sich im Formeltausch der „Himmelfahrt“ die miteinander verwobenen Melodien von Eva und Michael allmählich zu einem Triller auf.
Im III. Akt des DONNERS- TAG veranstaltet Eva ein großes „Festival“ zu „MICHAELs HEIMKEHR“ in seine himmlische Residenz. Sein Gegenspieler Luzifer versucht das Fest zu stören, aber Michael antwortet auf dessen menschenverachtende Anwürfe mit der „Vision“ seiner Berufung zur Vermittlung kosmischer und menschlicher Musik.

Die Superformel für LICHT
Das siebentägige Opern-Werk LICHT beruht auf einer „Superformel“ von drei über- einander liegenden melodischen Schichten mit individuellen Charakteristika in allen Eigenschaften der Musik. Jede Schicht bzw. Einzelformel repräsentiert einen der drei Protagonisten des Zyklus und ist auf dessen Stimmlage und Instrument zugeschnitten: Die Michael-Formel auf Tenor und Trompete, die Eva-Formel auf Sopran und Bassett- horn oder Flöte, die Luzifer-Formel auf Bass und Posaune. Jede Formel hat ihren eigenen melodischen Verlauf: Michaels dynamisch hoch differenzierte Formel steigt um eine Oktave ab; Evas melodiöse Formel steigt vor und nach einem fallenden Oktavsprung zweimal in die Höhe; Luzifers stark rhythmisch geprägte Formel springt gleich zu Anfang um eine große Septime in die Höhe, fällt wieder und bewegt sich nervös im Zickzack auf und ab. Diese Ur-Matrix des Opern-Zyklus hat die Dauer von nur einer Minute, aber aus ihr entfaltet sich ein Zyklus von sieben Opern der Wochentage mit 29 Stunden Musik.“ (Günther Peters, Programmheft der Berliner Festspiele. Musikfest Berlin 18./19. September 2015)

Analyse und Besprechung unter
http://stockhausenspace.blogspot.de/2014/09/opus-48-michaels-reise-um-die-erde.html