Archiv für Juli 2015

Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer

Helmut Gollwitzer

Durch Gnade zu Sinn und Praxis – Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer (Charles le Chat 7/15)

Gliederung
I Einleitung
II Leben zwischen Marx und Jesus – Biographie
III Religion und Kritik- zur Kritik an marxistischer Religionskritik
IV Messianisches Erlösungsversprechen als marxistische Hybris
V Schuld und Tod als existentielle Unveränderbarkeiten
i) Der kontroverse Tod
ii) Marxistische Anthropologie – Ein Widerspruch in sich?
iii) Was ist Schuld? – Ein Versuch
VI Sinn als Gabe und Aufgabe – Zum Verhältnis von Sinn, Leistung und Gnade
i) Verstellter Sinn – Nietzsches Nihilismus
ii) Existenz zwischen Sinn und Nutzen
iii) Sinn-Empfang als Gnade des ganz anderen Gottes
iv) Sinn als Gabe und Aufgabe – Dank als Praxis
v) „Von den Stricken meiner Sünden“
vi) Verheißung als theologisches Sinnangebot (zusammenfassendes Fazit)
VII Praxis – Marxismus und Theologie im Dialog
i) Christliche Praxis im Widerspruch
ii) Marxismus und Theologie im Denken von Gollwitzer (abschließender Befund)

PDF – Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer

I Einleitung

In der Kritik der reinen Vernunft formuliert Kant die drei Grundfragen der Philosophie: Was kann ich erkennen? Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen? (3.Bd, S. 447f.) Damit verweist er darauf, dass Erkenntniskritik (Was kann ich erkennen?) nicht losgelöst vom Bereich der Ethik (Was soll ich tun?) und Sinngebung (Was darf ich hoffen?) gedacht werden darf. Zugleich muss Erkenntniskritik sich ihrer Verschiedenheit von diesen aber bewusst auch sein. Für den marxistischen Theologen Helmut Gollwitzer ist die Sinnfrage eine religiöse, ja die Existenz von Religion begründet sich gerade in dem Bedürfnis nach Sinn. Das Besondere an der Frage nach Sinn sei nämlich, dass ihre existenzielle Dimension weder von den positivistischen Wissenschaften noch vom Marxismus überhaupt eingeholt werden könne, da sie deren Axiome notwendigerweise transzendiere. Dies wiederum bedeutet keineswegs, dass deren Erkenntnisfähigkeit irrelevant oder unbedeutend sei, es geht Gollwitzer vielmehr darum, darauf hinzuweisen, dass Sinngebung gar nicht in den „Kompetenzbereich“ von Wissenschaft fällt, da sie auf existentielle Momente des menschlichen Lebens wie bspw. Liebe, Schuld, Krankheit und Tod und damit zusammenhängend dem Bedürfnis nach Sinngebung nicht adäquat, d.h. sinn-stiftend antworten kann. Eben diese „Kompetenzüberschreitung“ kritisiert der Theologe Helmut Gollwitzer auch am messianischen Erlösungsversprechen des traditionellen Marxismus. Dieser könne seinem Anspruch, mit dem Übergang zum organisierten Kommunismus die „letzten“ Fragen und Probleme zu lösen, a priori nicht gerecht werden, da er qua seines Atheismus, auf die Problematik der Endlichkeit bzw. des Todes auf der Ebene von Sinn gar nicht anders als nihilistisch reagieren kann. Überdies macht Gollwitzer angesichts der historischen Erfahrung mit dem Realsozialismus darauf aufmerksam, zu welch radikaler Gleichgültigkeit gegen das Leben des/r Einzelnen das Fehlen von Ethik und Sinngebung in einer Gesellschaftskonzeption führen kann, deren einziges Sinn-Angebot in der Glorifizierung der „Arbeit fürs Kollektiv“ besteht: Sie verlängert das ent-individualisierte Leistungsprinzip, von dem sie vorgibt den Menschen befreien zu wollen. Die Frage, inwiefern die aufklärerische Absicht den Menschen zum „höchsten Wesen“ zu erklären bereits theoretische Schwachstellen birgt, ist für Gollwitzer dabei von Bedeutung. Nichtsdestotrotz schätzt Gollwitzer die materialistische Gesellschaftskritik in Theorie und Praxis als unverzichtbar für die nötige Herstellung einer irdischen Annäherung an das „Reich Gottes.“ Jedoch muss diese sich dabei ihrer „Illusionen“ entledigen, um angesichts des Unveränderbaren im Weltverhältnis die Arbeit am Änderbaren um so mehr intensivieren zu können. Spricht Gollwitzer vom „Marxismus“, so bezieht er sich dabei primär auf den von der frühen Sozialdemokratie um Engels, Kautsky, Bebel und Lenin u.a. vertretenen traditionellen Marxismus und dessen sowjetnahen Nachfolger_innen, deren Marxismus-Rezeptionen – jenseits von kritischer Theorie und Neuer Marx-Lektüre in den 60ern – weltweit prägenden Einfluss hatten. In diesem Sinne folge ich Gollwitzer im Rahmen dieser Arbeit, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden. Dennoch lässt sich ein Teil der geübten Kritik auch auf die kritischen Marx Aneignungen (z.B. Kurz, Heinrich, Backhaus u.a.) übertragen.
In seinem Buch „Die Marxistische Religionskritik und der christliche Glaube“ (1961) gibt er einen ersten Einblick in das Verhältnis von Theologie und Marxismus innerhalb seines Denkens, dessen tiefergehendes Verständnis Inhalt dieser Arbeit sein soll.
Zuallererst soll die Verknüpfung der beiden Pole auf biographischer Ebene nachgezeichnet werden. Daran anschließend soll das Themenfeld Religion und Kritik ausgelotet werden, in dem Gollwitzers Argumentation zur marxistischen Religionskritik aufgegriffen wird, die schließlich in einer (Selbst-)Kritik des Marxismus mündet. Indem daraufhin versucht wird, Inhalt und Qualität der von Gollwitzer postulierten existentiellen Unveränderbarkeiten am Beispiel der Schuld und des Todes nachzuspüren, wird zugleich die Kritik Gollwitzers an marxistischem Erlösungsversprechen vertieft und die Aussicht auf Gollwitzers Konzept von Sinn als „Gabe und Aufgabe“ eröffnet. Dabei wird vor allem auf Gollwitzers Ausführungen in seinem Werk „Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“ (1971) zurückgegriffen werden. Um das Verständnis dieses theologischen Ansatzes besser nachvollziehen zu können, werden die Argumentation Gollwitzers zum Verhältnis von Sinn, Leistung und Gnade ausführlich dargestellt und Form und Konsequenzen des theologischen „Sinnangebots“ besprochen. Abschließend wird versucht, eine Einschätzung zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer an Hand der Frage von gesellschaftspolitischer Praxis zu geben.

Aufrechter Gang – Wolf Biermann und Ernst Bloch (Apercu)

Aufrechter Gang – Wolf Biermann und Ernst Bloch (Apercu)

Nach der Veröffentlichung seins Gedichtbandes „Die Drahtharfe“ 1965 ist der kritische Liedermacher Wolf Biermann mit einem DDR weiten Auftritts- und Berufsverbot belegt worden. Nachdem die IG Metall den Dichter 1976 zu einer BRD Konzerttour eingeladen hatte, erhielt Biermann am 17. November 1976 schließlich ein Wiedereinreiseverbot in die DDR und wurde offiziell ausgebürgert. Kurz vor der Ausbürgerung des Liedermachers veröffentlichte Thomas Rothschild eine Aufsatzsammlung, mit dem Ziel Leben und Werk des Liedermachers und Sozialisten Biermann kritisch und solidarisch zu würdigen.
Der Philosoph Ernst Bloch schrieb dazu das Geleitwort:

„Echter, sich kennender, sich könnender Kommunismus hat dasjenige zu sein, was unter dem Namen Moral so lange vergebens gesucht ward. Und derart hat Kommunismus das Gegenteil von terrorisierender Angst vorm Andersdenken zu sein. Wolf Biermann hat an Ort und Stelle sich nicht zur Preisgabe des Andersdenkens zwingen lassen und sich gegen die Verwaltung seiner Vorstellungen vom Kommunismus durch die Staaatsapparatur gewehrt. Seine scharf und genau bestrebten Verse wagen beim Namen zu nennen, was im Osten dem Sozialismus als Vorstufe zum Kommunismus gewalttätig in den Weg trat: Stalin und sein Erbe, das weiterhin auch über Stalin hinaus den Kommunismus so schädlich pervertiert und ihm seine propagandistische Wirkung raubt. Obwohl in entschiedener Opposition zur bürokratischen Verformung der Arbeiterbewegung, ist Biermann ihr treu geblieben und nicht zum Renegaten geworden. Ihm bliebt klar, daß die Geschichte keine unwandelbaren Gesetze kennt, also auch der sich Sozialismus nennende Staatsbürokratismus kein unveränderliches Ergebnis sozialistischen Kampfs darstellt. Sondern das Menschen hier, gerade im Kommunismus gemessen, kollektiv falsch gehandelt haben, weil sie in ihren Handlungen eine falsche Theorie entwickelten. Sozialismus selber aber ist per se wissenschaftlich, weiß also seine Gestaltungen kritisch zu prüfen, sie auf ihre realen Ursachen zurückzuführen und, wenn sie das gemeinte Zielt verfehlten, realursächlich umzugestalten. Wegen seiner Wissenschaftlichkeit kennt der Sozialismus Berichtigung und Veränderung, darum braucht er die Kritik des Andersdenkens und keine Verwaltung einer fertigen Lehre. Biermann gehört gerade als Oppositioneller zu denen, für die der Sozialismus durch Pervertierungen nicht im mindesten abgetan ist. Biermann zeigt, daß kommunistische Moral sich nicht korrumpieren lässt. Denn corruptio optimi pessima [Die Entartung des Besten führt zum Schlimmsten]. Darum sind er und seine künstlerische Arbeit wichtig.“

Den Liedermacher Wolf Biermann und den Philosophen Bloch verbindet, neben ihrer jüdischen Herkunft, biographisch der Umstand, aus Überzeugung freiwillig in die DDR übergesiedelt zu sein (Bloch 1948, Biermann 1953). Außerdem ist ihnen eine Kritik am Stalinismus gemein, wenngleich Bloch erst im Laufe der 50er inhaltlich mit Stalin – dem „ wirklichen Führer ins Glück“ (Bloch) – bzw. dem autoritären Kommunismus brach. Auf Grund seiner unangepassten marxistischen Philosophie wurde der Leipziger Philosophie-Professor Bloch 1957 schließlich zwangsemeritiert und mit Publikationsverbot belegt. In Folge dessen und angesichts des Mauerbaus kehrten er und seine Frau Karola Bloch nach einer BRD-Reise 1961 nicht wieder in die DDR zurück. Bloch verstarb im August 1977, gut ein halbes Jahr nach Biermanns Zwangsausweisung. Anscheinend sind sich Biermann und Bloch während dieses Zeitraums begegnet. Anlässlich dessen Todes schrieb Biermann ein Gedicht.

Ernst Bloch ist ja tot (in: Preußischer Ikarus. Lieder/Balladen/Gedichte/ Prosa 1977)

kurz vor dem Ende
als ich ihn endlich traf
ja, da ging es zuende
mit mir

zuletzt hatten die Jahre ihn
doch ein Stück runter: krumm
wie ein Fidelbogen, so
sah ich ihn gehen
den aufrechten Gang

kurz vor dem Ende
sah ich den Erblindeten
ja, der war blind
- sah aber durch!

bloch, seines biblischen Alters
lästige Gebrechen –er
ertrug sie
mit Lässigkeit

aber immer noch staunte der Alte
über das stein-alte Übliche
die alltägliche Gemeinheit
die gesetzestreuen Verbrechen
ihn entsetzen sie, das normale
unrecht hinzunehmen
bis an sein Ende, Bloch
hat es nicht gelernt

hilfsloser Alter, aber
so wußte er sich zu helfen
kurz vor dem Ende
mir
half er auf

Das im selben Jahr veröffentliche Lied „Deutsches Misere (Bloch-Lied)“ ist eine weitere Würdigung des Werk und Lebens von Ernst Bloch.