Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion – Wladimir I. Lenin

Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion Wladimir I. Lenin, Mai 1909. (in: W.I. Lenin, Über die Religion: eine Auswahl, Berlin 1981, S. 53-66.)

- Ausgewählte Zitate -

„Die ganze Weltanschauung der Sozialdemokratie ist auf dem wissenschaftlichen Sozialismus, d.h. dem Marxismus aufgebaut. “

„ Die Religion ist das Opium des Volkes – dieser Ausspruch von Marx bildet den Eckpfeiler der ganzen Weltanschauung des Marxismus in der Frage der Religion. Der Marxismus betrachtet alle heutigen Religionen und Kirchen, alle religiösen Organisationen stets als Organe der bürgerlichen Reaktion, die die Ausbeutung verteidigen und die Arbeiterklasse verdummen und umnebeln sollen. “


„ Zugleich verurteilte Engels jedoch wiederholt die Versuche von Leuten, die ‚linker’ oder ‚revolutionärer’ sein wollten als die Sozialdemokratie, in das Programm der Arbeiterpartei ein direktes Bekenntnis zum Atheismus im Sinne einer Kriegserklärung an die Religion hineinzubringen [ …] eine solche Kriegsansage sei das beste Mittel, das Interesse für die Religion zu beleben und das wirkliche Absterben der Religion zu erschweren […] sie vermöchten nicht zu begreifen, dass allein der Klassenkampf der Arbeitermassen, der die breitesten Schichten des Proletariats allseitig in die bewusste und revolutionäre gesellschaftliche Praxis einbezieht, imstande sei, die unterdrückten Massen vom Joch der Religion wirklich zu befreien, während es eine anarchistische Phrase sei, den Krieg gegen die Religion zur politischen Aufgabe der Arbeiterpartei zu proklamieren.“

Dennoch:

„Marxismus ist Materialismus. Als solcher steht er der Religion ebenso schonungslos feindlich gegenüber wie der Materialismus der Enzyklopädisten [13] des 18. Jahrhunderts oder der Materialismus Feuerbach.“

„Wir müssen die Religion bekämpfen. Das ist das Abc des gesamten Materialismus und folglich auch des Marxismus. Aber der Marxismus ist kein Materialismus, der beim Abc stehengeblieben ist. Der Marxismus geht weiter. Er sagt: Man muss verstehen, die Religion zu bekämpfen, dazu aber ist es notwendig, den Ursprung, den Glauben und Religion unter den Massen haben, materialistisch zu erklären. Den Kampf gegen die Religion darf man nicht auf abstrakt-ideologische Propaganda beschränken, darf ihn nicht auf eine solche Propaganda reduzieren, sondern er muss in Zusammenhang gebracht werden mit der konkreten Praxis der Klassenbewegung, die auf die Beseitigung der sozialen Wurzeln der Religion abzielt. Warum findet die Religion in den rückständigen Schichten des städtischen Proletariats, in breiten Schichten des Halbproletariats und auch in der Hauptmasse der Bauernschaft noch Boden? Wegen der Unwissenheit des Volkes, antwortet der bürgerliche Fortschrittler, der Radikale oder der bürgerliche Materialist. Also, nieder mit der Religion, es lebe der Atheismus, die Verbreitung atheistischer Anschauungen ist unsere Hauptaufgabe. Der Marxist sagt: Das ist falsch. Eine solche Auffassung ist oberflächliche, bürgerlich beschränkte Kulturbringerei. Eine solche Auffassung erklärt die Wurzeln der Religion nicht gründlich genug, nicht materialistisch, sondern idealistisch. In den modernen kapitalistischen Staaten sind diese Wurzeln hauptsächlich sozialer Natur. Die, soziale Unterdrückung der werktätigen Massen, ihre scheinbar völlige Ohnmacht gegenüber den blind waltenden Kräften des Kapitalismus, der den einfachen arbeitenden Menschen täglich und stündlich tausendmal mehr entsetzlichste Leiden und unmenschlichste Qualen bereitet als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. – darin liegt heute die tiefste Wurzel der Religion. ‚Die Furcht hat die Götter erzeugt.’ Die Furcht vor der blind wirkenden Macht des Kapitals …“

„ Keine Aufklärungsschrift wird die Religion aus den Massen austreiben, die, niedergedrückt durch die kapitalistische Zwangsarbeit, von den blind waltenden, zerstörerischen Kräften des Kapitalismus abhängig bleiben, solange diese Massen nicht selbst gelernt haben werden, diese Wurzel der Religion, die Herrschaft des Kapitals in all ihren Formen vereint, organisiert, planmäßig, bewusst zu bekämpfen.“

„ Der Marxist ist verpflichtet, den Erfolg der Streikbewegung in den Vordergrund zu stellen, einer Aufspaltung der Arbeiter in diesem Kampf in Atheisten und Christen entschieden entgegenzuwirken und gegen eine solche Aufspaltung entschieden zu kämpfen. Atheistische Propaganda kann unter diesen Umständen ganz überflüssig, ja schädlich sein – nicht vom Standpunkt spießerlicher Erwägungen über die Abschreckung der rückständigen Schichten, über einen Mandatsverlust bei den Wahlen usw., sondern vom Standpunkt des wirklichen Fortschritts des Klassenkampfes, der unter den Verhältnissen der modernen kapitalistischen Gesellschaft die christlichen Arbeiter hundertmal besser zur Sozialdemokratie und zum Atheismus führen wird als die bloße atheistische Propaganda.“

„Ein Anarchist der den Krieg gegen Gott um jeden Preis predigt, würde dadurch in Wirklichkeit den Pfaffen und der Bourgeoisie helfen (wie ja die Anarchisten in Wirklichkeit stets der Bourgeoisie helfen). Ein Marxist muss Materialist sein, d.h. ein Feind der Religion, doch ein dialektischer Materialist, d.h. ein Materialist, der den Kampf gegen die Religion nicht abstrakt, nicht auf dem Boden einer abstrakten, rein theoretischen, sich stets gleichbleibenden Propaganda führt, sondern konkret, auf dem Boden des Klassenkampfes, wie er sich in Wirklichkeit abspielt, der die Massen am meisten und am besten erzieht. Ein Marxist muss es verstehen, die ganze konkrete Situation zu berücksichtigen […]“

„Kann man unter allen Umständen Mitglieder der sozialdemokratischen Partei in gleicher Weise verurteilen, wenn sie erklären: ‚Der Sozialismus ist meine Religion’ […]? Nein. Eine Abweichung vom Marxismus (und folglich auch vom Sozialismus) liegt hier zweifellos vor, aber […] eine Sache ist es, wenn ein Agitator oder jemand, der vor Arbeitermassen auftritt, so spricht, um verständlicher zu sein […] Eine andere Sache ist es, wenn ein Schriftsteller beginnt, ‚Gottbildnertum’ oder einen gottbildnerischen Sozialismus zu predigen (im Sinne etwa unserer Lunatscharski und Co.). […] Die These ‚Der Sozialismus ist eine Religion’ ist für die einen eine Form des Übergangs von der Religion zum Sozialismus, für die anderen – vom Sozialismus zur Religion.“

Charles le chat