Franz von Assisi – Gehorsam als Herrschaftskritik?

Die Vogelpredigt

Franz von Assisi – Gehorsam als Herrschaftskritik?

„Die Brüder sollen keine Machtpositionen und kein Herrscheramt besitzen, vor allem nicht untereinander“ heißt es in einer Ordensregel der Franziskaner-Bruderschaft. Der Frage in welchem Zusammenhang diese Bestimmung mit dem Ideal des radikalen Gehorsams steht, widmet sich die folgende Betrachtung.

Giovanni Battista Bernardone wurde 1181/82, je nach Zeitrechnung der zugrundeliegenden Quelle, in der Stadt Assisi in Umbrien als Sohn eines einflussreichen Kaufmanns geboren, dessen französischen Handelsbeziehungen der Sohn seinen Spitznamen Fransceso –Französchen- verdankt, der ihn als Franz von Assisi später sehr berühmt werden ließ.
Doch zuvor noch ein Wort zur Quellenlage. Für das Mittelalter relativ unüblich ist der Quellenbestand zu Franz von Assisi relativ breit. Schon zu seinen Lebzeiten wurden von verschiedenen Seiten her Viten und Legenden verfasst und auch Franziskus selbst nahm Einfluss auf das von ihm entworfene Bild. Nach seinem Tod wurde Bruder Thomas von Celano mit dem Schreiben einer Vita beauftragt, dieser wurde aber schließlich mit Hilfe einer Neufassung durch Bonaventura ihre (politische) Berechtigung abgesprochen. Neben überlieferten Schriften aus der Hand von Franziskus selbst, entstanden durch ehemalige Mitbrüder parallel noch zahlreiche weitere Franziskus-Viten, die jeweils aus einer bestimmten Absicht heraus geschrieben spezifische Begebenheiten verstärkten oder wegließen, sodass sich die Forschung seit dem 19. Jh. einem höchst komplexen, häufig widersprüchlichem Geflecht von Berichten über Franziskus gegenübersieht, das die Beantwortung der sogenannte „Franziskusfrage“ (Wer und wie war Franz von Assisi nun wirklich?) enorm erschwert. Vor diesem Hintergrund müssen nun auch alle folgenden Darstellungen betrachtet werden.

Unbefriedigt vom verschwenderischen Lebensstil seiner Jugend und einigen erfolglosen Versuchen über militärische Ruhm (in Perugia und Apulien) in den Adelsstand erhoben zu werden, hatte der später Franz von Assisi genannte Sohn eines Tuchhändlers ein religiös-ekstatisches Erweckungserlebnis dessen Folge ein grundsätzlicher Lebenswandel war. Franz von Assisi brach mit seiner bürgerlichen Existenz und Herkunft, verschenkte all sein Hab und Gut, verzichtete auf sein Erbe und entschloss sich dazu ein Leben in selbstgewählter Armut zu führen. Gekleidet als Bettler machte er in Rom Erfahrungen mit der Hartherzigkeit der zu den Aposteln eifrig bettenden Pilger. Gemeinsam mit einem weiteren früheren Erweckungserlebnis durch die Kreuzesikone der Kirche von San Damiano, in dem Jesus zu ihm gesagt haben soll: „Franziskus, geh hin und baue mein Haus wieder auf, das, wie du sieht, ganz verfallen ist,“ bestärkte ihn dies in seiner Überzeugung der grundsätzlichen Reformbedürftigkeit der christlichen Welt und der Kirche im Besonderen. Mit der Zeit hatten sich ihm einige andere Unzufriedene angeschlossen, unter ihnen nicht wenige Söhne reicher Herkunft. Gemeinsam verpflichteten sie sich dem Ideal der Armut und zum radikalen Bruch mit allen sozialen Bindungen und zogen vagabundierend und predigend umher. Dass sie dabei als Laien predigten war ein Bruch mit herrschenden Konventionen. Viel ungeheuerlicher aber war, dass sie dem Volk die Brisant und Aktualität des Evangeliums nahe bringen wollten, indem sie dies in der Volkssprach, d.h. auf Italienisch verkündeten. Zudem ist das Armutsideal ist keineswegs mit einer Romantisierung von Not, Entbehrung und der damit einhergehenden Unfreiheit zu verwechseln. Vielmehr ging es Franziskus um den freiwilligen Verzicht auf materiellen Besitz, von dem er sich eine neue spirituell-geistige Freiheit versprach. Die Formulierung „vivere sine proprio“ (ohne Eigentum leben) findet sich in vielen seiner Schriften und bezieht sich sowohl auf den persönlichen als auch auf den kollektiven Besitz. So auch im 6. Kapitel der bestätigten Regel der Minderen Brüder: „Die Brüder sollen sich nichts aneignen, weder Haus noch Ort noch irgendeine Sache. […] Dies ist jene Erhabenheit der höchsten Armut, die euch, meine geliebtesten Brüder, zu Erben und Königen des Himmelreiches eingesetzt, an Hab und Gut arm gemacht, durch Tugenden geadelt hat“. Franziskus bezieht sich hierbei auf Mt 19,21, wo Jesu dem reichen Jüngling sagt: „wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ Die Absage an das „fleischliche“, d.h. Besitz auf Mensch und Dinge beanspruchende, Leben ist aber kein (moralischer) Zweck in sich, sondern geschieht dem Vorbild der Selbsthingabe Gottes in Jesu folgend um „der Armen willen“. Für den „Poverello“ muss die freiwilliger Verzicht daher auch mit einer identifizierenden Solidarität mit den Armen einhergehen: Die Brüder „gehen betteln“ (vadant pro eleemosyniis) nicht nur um die eigenen Bedürfnisse zu stillen, sondern vor allem auch die der anderen – im 9. Kapitel der Nichtbestätigten Regel nennt Franziskus mit „despecta personas“ (von geringer Herkunft), „pauperes“ (die nicht für sich selbst sorgen können) „debiles“ (Schwache) und „leprosos“ (Aussätzige) u.a. gleich eine ganze Reihe von unterschiedlich Bedürftigen, denen es zu helfen gilt.
Die radikale Selbstunterwerfung in materieller Armut geht außerdem mit einer radikalen geistigen Bescheidung, der Heiligen Einfalt (Sancta Simplicitas) einher. Ausgehend von dem Gedanken, dass materielle Armut äußerlich bleibt, wenn der Mensch innerlich-geistig immer noch ausschweifend lebt – in Franziskus Worten noch „reich“ ist, – verpflichten sich die Brüder in radikaler Demut zum Verzicht auf Bücher und gelehrtes Studium. Das einzige Exemplar des Neuen Testaments verschenkt Franziskus der Legende nach an die notleidende Mutter eines Bruders. Ein weiteres Motiv der intellektuellen Selbstbescheidung ist sicherlich auch Franziskus Misstrauen gegen Theologie und Wissenschaft, sowie die Einschätzung, dass der Besitz von Büchern und Wissen häufig dazu beitrage Machtpositionen aufzubauen. Geeint in der Überzeugung, dass ein gottgefälliges Leben in der Nachfolge Jesu nur im absoluten Gehorsam gegen Gott und daher in völliger Gleichheit der Brüder – dem Beispiel der Jünger Christi folgend – möglich ist, scheint es als ob die Brüder mit den biblischen Verheißungen „Selig sind die Armen“ und „die Letzten werden die Ersten sein“ wirklich ernst machen, indem sie selbst radikal erniedrigen. Sie bezeichnen sich daher als „Minderbrüder“, nicht zuletzt auch um sich von anderen, weniger radikalen Armutsbewegungen abzugrenzen. Der Wille zum absoluten Gehorsam geht dabei mit einer „Abstinenz“ gegenüber allen Formen von irdischer Herrschaft einher und so soll es auch in der Bruderschaft keine Herrschaft durch Über- oder Unterordnung geben. „Herr, meine Brüder sind deshalb geringere genannt worden, dass sie sich nicht anmaßen größere zu werden, ihrer Berufung lehrt sie unten zu bleiben und gestattet auf gar keinen Fall, dass sie in den Hochklerus aufsteigen.“ Als die Anzahl der Brüder wächst, wird es allerdings nötig einige verwaltende Ämter einzuführen, wenngleich die Bruderschaft weiterhin keineswegs über materielle Besitzungen, wie Wohnanlagen, Kirchen, Ländereien u.ä. verfügt. Franziskus willigt ein die Ämter des „guardiano“ (Beschützer) und des „Minister“ (Diener) einzusetzen, betont in diesem Zusammenhang allerdings nocheinmal: „Die Brüder sollen keine Machtpositionen und kein Herrscheramt besitzen, vor allem nicht untereinander“. Da es aber nötig sei Amtsträger einzuführen, hätten diese ihren Mitbrüdern mit „brüderlicher Liebe“ zu begegnen. Zugleich verpflichtete er gerade die Amtsinhaber zu noch radikaleren Selbsterniedrigung („der Oberste soll ganz unten stehen“), wodurch die formal bestehende Gehorsamspyramide massiv konterkariert wird. Dass sein Konzept des wahren Gehorsams subversive Elemente beinhaltet und gegenüber der römischen Kirche in manchen Augen den Charakter einer „Anti-Verfassung“ hat, muss er schon zu Beginn seines Lebenswandels erfahren. Nach einigen Streitigkeiten mit lokalen kirchlichen Vertretern wendet sich Franziskus 1209 an Papst Innozenz III. und erhofft von ihm eine Bestätigung seiner Lebensführung. Die Quellen berichten von einem regelrechten Eklat, als die barfüßigen und in Lumpen gekleideten Brüder und Franziskus den hochdekorierten Prälaten entgegentreten und letzterer dem Papst seine „Regeln“ überreicht. Dieser auf Zitaten aus den Evangelien beruhende Regelkatalog („Satzung“) vertrat die Position, dass einer Nachfolge Jesu einzig ein Leben in absoluter Armut gerecht werden könnte und übte damit nicht nur implizit eine Kritik am Lebensstil der etablierten Kirche. Dass sich die Regeln dabei auf die Bibel stützte, brachte Prälaten und Papst in die Verlegenheit, bei einer Ablehnung dieser radikalen Lebensweise als unrealistisch oder falsch sich zugleich an der Wahrheit des Evangeliums zu versündigen, sodass der Papst – nach einem visionshaften Traum -die Regeln der Bruderschaft letztendlich bestätigte, allerdings nicht ohne sich davor ihm gegenüber Gehorsam schwören zu lassen. Die Anerkennung diente zweifellos vor allem der politischen Integration der Armutsbewegung, wie sie am Lebensende Franziskus’ gegen sein Willen durch die päpstlich gesteuerte Umwandlung der Bruderschaft in einen Orden schließlich auch vollzogen wurde. Dabei hatte Franziskus inspiriert durch sein Erlebnis in San Damiano ja zeit seines Lebens auf eine Reform der Kirche gezielt, mit Hilfe derer er schließlich die ganze Christenheit zu einem gottgefälligen Leben in tiefster Demut führen wollte. Zugleich betont muss werden, dass er sich mit seinem Plädoyer für die Armut als neue Freiheit sich weniger gegen die Reichen als vielmehr an die Reichen wandte. In diesem Kontext ist auch die Regel „ Jeder, der zu den Brüdern kommt, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber soll mit Güte empfangen werden“ zu verorten. Interessant ist außerdem, dass er seine „Regeln“ weitestgehend als freiwillige verstand und tw. flexibel handhabte, was damit dem Verständnis eines institutionalisierten, für alle verbindlichen Ordensregelwerks (inklusive Sanktionen bei Nichtbefolgung) entgegenstand. Dies änderte sich erst mit der Bestätigung „Regula bullata“ (Bestätige Regel) im Jahre 1223, als der Orden schon auf mehr als 5000 Mitglieder angewachsen war. Inwiefern diese den Intentionen von Franziskus entgegenstand ist umstritten. Während einer mehrjährigen Abwesenheit des Ordensgründers hatte die papstnahe Fraktion der Franziskaner eine grundlegende Reform des Bruderschaft eingeleitet, welche der Radikalität der mönchischen Lebensweise ihren Stachel nehmen sollte. Zugleich hat Franziskus nachweislich an der Verfassung der Regula Bullata mitgewirkt. Sein Testament von 1226 kann insofern auch als Versuch verstanden werden die kodifizierten Regeln noch einmal stärker in Richtung der ursprünglichen Lebensweise radikaler Freiheit in Armut zu deuten, aber auch diese Deutung ist umstritten. Nach seinem Tod hat sein einflussreicher Interessengegner, der Schutzbefohlene des Ordens Kardinal Hugolino von Ostia als späterer Papst Gregor IX. die aufrührerischen Implikationen des Testaments durch eine Bulle juristisch außer Kraft gesetzt. Inwiefern Franziskus’ Überzeugungen übrigens von den Schriften bzw. der Rezeption der Schriften von Joachim di Fiore beeinflusst worden sind, kann an dieser Stelle nicht besprochen werden.
Geschwächt vom hartem Leben in Armut und einer Augenkrankheit (deren Therapie: Ausbrennen der Schläfen mit glühendem Eisen (!) nicht richtig anschlug), die er sich wahrscheinlich auf seiner Ägyptenreise 1219 zugezogen hat – er versuchte u.a. zwischen dem Sultan Malek el-Kamil, dem militärischen Führer Ägyptens und der Partei der Kreuzzügler vermittelnd, aber missionierend für „Frieden“ zu werben – zieht Franziskus sich im Frühjahr 1224 auf den Berg La Vena zurück, macht eine letzte Pilgerwanderung durch Italien und stirbt am 3. Oktober 1226. An seinem Leichnam sind angeblich die Wundmale Christi deutlich zu erkennen. Damit wird er zum ersten urkundlichen „Stigmatisierten“ der christlichen Geschichte, was zu seinem vor allen von den späten Quellen (den fioretti) geprägten Ruf als „zweiter Christi“ (Helmut Fendt) und seiner Heiligsprechung 1228 entscheidend beiträgt.
Schon während seiner Lebzeiten, aber umso stärker nach seinem Tod entwickelten sich verschieden Lager innerhalb der Franziskaner. Während den „Konventualen“ die Lebensweise ihres Gründervaters zu radikal erschien und diese am Umbau des Bruderschaft in einen hierarchischen Orden mit eigenen Besitzungen arbeiteten, hielten die „Spiritualen“ am Gelöbnis der Armut weiter fest. Dass sich die Konventualen im Laufe der Zeit durchsetzten (und ihre Gegner mit Hilfe des Papstes 1317 sogar zu Häretiker erklärten), führte schließlich auch dazu, dass Bonaventura von Bagnoregio ab 1257 Generalminister der Franziskaner, dazu ermächtigt wurde eine verbindliche Vita des Franziskus zu schreiben, die bis in 19. Jh. hinein das Bild von Franziskus maßgeblich geprägt hat. Mit Bonaventuras Beauftragung ging der Befehl einher, alle anderen, mittlerweile zahlreich entstandenen Viten und Legenden des Franziskus zu vernichten. Dem Umstand, dass sich viele der Mitbrüder daran nicht gehalten haben, verdankt die heutige Franziskus-Forschung ihre breite Quellenlage.
Auch wenn es Franziskus wohl nicht geschafft hat die Kirche und damit die Welt seinen Vorstellungen gemäß nachhaltig zu verändern, haben sich doch bis in unsere Zeit hinein einige seiner Gedanken und Werkte gehalten. Zum Beispiel die berühmte Meditation: „Der Sonnengesang des Heiligen Franziskus“, die er noch kurz vor seinem Tod im Herbst 1226 aufzeichnete und damit wohl die erste große Dichtung auf Italienisch schuf. Der Sonnengesang ist heute in veränderter Form (unter dem Titel „Laudato sii“) noch in einigen Kirchengesangsbüchern zu finden. In diesem drückt sich eine weitere radikale Haltung des Franziskus aus: und zwar die der Gleichheit aller Kreaturen und der damit einhergehende Glaube an die kommende Erlösung aller Wesen der Schöpfung. Dieses innige Naturverhältnis drückte Franziskus praktisch in Liebe zu Insekten und Pflanzen, in Tierbefreiungsaktionen (!) und auch in seiner berühmten „Vogelpredigt“ (zu Vögeln gesprochen) aus. Aber auch in den Formulierungen des Sonnengesangs: „Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfe, zumal dem Herrn Bruder Sonne […], Bruder Wind […] Schwester Mond […] Schwester Wasser […] Bruder Feuer […] Schwester (!) Tod (!)“ wird deutlich, dass er alle Phänomenen der Schöpfungen als von Gott beseelt begreift und ihnen die gleiche Würde zuschreibt, was ihn dazu führt die Herrschaft der Menschen über andere Kreaturen grundsätzlich abzulehnen. Ob er in Konsequenz dessen auch vegan oder vegetarisch gelebte ist mir nicht bekannt. Ein schöne Anekdote verdeutlich seinen allumfassenden Erlösungsglauben: 1223 inszeniert er eine Weihnachtsmesse mit einer unter einem Felsvorsprung stehenden Krippe und zwei echten Tieren (Ochs und Esel). Der Realitätsaspekt des Szenenspiels soll außerdem deutlich machen: Bethlehem ist auch hier bei Euch in Grecchio – also handelt auch demgemäß! Ein weiteres Moment, das bis in unser Alltagsverständnis überdauert hat, ist ein sprachliches: Der „Kadavergehorsam“. Gefragt wie den die Organisation der Bruderschaft nun konkret stattzufinden habe, antwortet Franziskus der Überlieferung nach: „Nimm einen Leichnam, lege ihn hin wo du willst, er leistet keine Widerstand und beschwert sich auch nicht wo du ihn hingelegt hast“. Das Bild der Leiche gibt einen Eindruck, wie ernst es Franziskus mit dem Ideal der Armut meinte: erst der vollkommen Gehorsame ist wirklich arm. Diese Preisgabe des eigenen (gottfernen) Willens ist für ihn die Konsequenz aus der Ursünde Adams: dem Ungehorsam. Inwiefern sich diese Vorstellung theoretisch mit einer Kritik an Herrschaft verbinden lässt, müsste noch ausführlicher diskutiert werden, praktisch scheint sie sich jedoch in gewissen Maßen umgesetzt zu haben.
Die praktizierte Ablehnung von Eigentum, das Leben in gemeinschaftlicher Gleichheit und der Dienst an den Armen, können als ein Angriff auf die irdische Einrichtung religiöser und weltlicher Herrschaft verstanden werden, deren Begründung in einem absoluten Gehorsam gegenüber Gott liegt. Die praktizierte Demut ist freiwilliger Gehorsam und begründet sich in der franziskanischen Überzeugung Umkehr und Buße (metanoia) seien nötig, um Gottes Willen gemäß zu leben und seine Schöpfung als heilige ehren zu können. Die Veränderung des (religiösen) Bewusstsein verweist die Gläubigen daher auf eine veränderte Praxis. Gerade der Bezug auf die evangelischen Quellen wird daher Anlass einer Kritik der demutsarmen Institution Kirche, ihrer Akteure und der ihnen verpflichteten Gläubigen. Die Praxis dieser sich auf das Evangelium berufenden Christen scheint Franziskus fern von einem Nächstenliebe praktizierenden Leben in besitzloser Gemeinschaft. Sein Gehorsam gegen Gott speist damit einen grundsätzlichen Ungehorsam gegen die gottferne Einrichtung der Welt, wenngleich sich Franziskus am Ende seines Lebens mit dieser doch auch arrangiert.

Nicht unerwähnt bleiben soll allerdings die für seine Zeit und Position sicher nicht untypische, aber dennoch tiefst problematische misogyne Haltung des späteren Heiligen. Im Kontakt zu Frauen meinte er eine grundsätzliche Gefahr für die Radikalität seines auch zölibateren Lebenswandels zu erkennen, sodass er seinen Brüdern riet sich vor dem Umgang mit Frauen und ihrem „bösen Blick“ zu hüten. Dies muss 1211 in gewisser Weise auch die Adelstochter und spätere Heilige Clara von Assisi erfahren, deren Wunsch sich dem „Ordo fratrum minorum“ anzuschließen von Franziskus abgelehnt und zugleich zur Grundlegung einer klausurierten Frauengemeinschaft in San Damiano wird.

Neben der Stadt San Fransisco, die dem Heiligen ihren Namen verdankt, hat sich 2013 Jorge Mario Kardinal Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst in Anlehnung an den Poverello den Namen Franziskus gewählt. Welche politischen Konsequenzen diese Selbstbezeichnung hat, bleibt abzuwarten. Vielleicht vermag die postume Rehabilitierung und Seligsprechung des ermordeten Befreiungstheologen Oscar Romero einen Hinweis darauf zu geben.

Dieser Text ist inspiriert von Rüdiger Achenbachs fünfteiliger Featurereihe zu Franz Assisi die Anfang Juni 2015 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Siehe: http://www.deutschlandfunk.de/franziskus-von-assisi-teil-1-die-suche-nach-dem.886.de.html?dram:article_id=321956

Quellen:
Veit-Jakobus Dieterich, Franz von Assisi, Reinbeck bei Hamburg, 1995
Helmut Feldt, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994
Helmut Feldt Franziskus von Assisi. München 2001
Klaus Reblin, Franziskus von Assisi. Der rebellische Bruder. Göttingen 2006

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