Über die Apokalyptik von IS und Täuferreich Münster

In der aktuellen Jungle World findet sich ein lesenswerter Artikel von Jörn Schulz über die apokalyptischen Züge „des“ Islamischen Staats. Schulz zeigt, dass zu dessen Ideologie die Vorstellung gehört, in die heilsgeschichtliche Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse einzugreifen, eine Vorstellung, die auch heute in Islam und Christentum präsent ist. Dieser Glaube an eine göttliche Mission während der letzten Tage der Schöpfung, könne als ein Grund für die expansive Dynamik und das enorme Gewaltpotential der Dschihadisten-Truppe verstanden werden.

Es ist verdienstvoll, dass Schulz nach einigen Vorarbeiten dieses Thema nochmal in dieser Ausführlichkeit aufgreift. In ökonomischer Hinsicht hat etwa Tomasz Konicz gute Analysen „des“ IS vorgelegt. Er beschreibt ihn als kapitalistisches Krisenphänomen, als globale Plünderungsökonomie, die den von regulärer kapitalistischer Verwertung Ausgeschlossenen eben auch eine ökonomische Perspektive bietet. Das sind wichtige Überlegungen, aber ein gutes Monatseinkommen erklärt noch nicht, wieso jemand sich und andere in die Luft sprengt. An dieser Stelle ist die Argumentation von Schulz treffend, denn er zeigt auf, dass Apokalyptik historisch schon immer ein großes Maß an Überzeugungskraft, Gewaltpotential und Opferbereitschaft freisetzen konnte. Dennoch hinkt sein Vergleich zwischen IS und dem Täuferreich von Münster 1534/35 an einigen Stellen.

Denn der Autor will aus einer universellen aufgeklärten Position heraus das apokalyptische Denken als Ganzes und zu allen Zeiten erledigen. Nun gibt es tatsächlich einige Parallelen zwischen Münster und „dem“ IS, etwa den universellen, globalen Herrschaftsanspruch und die beanspruchte gewaltsame Trennung zwischen „Auserwählten“ und „Gottlosen“. Dennoch geht Schulz an einigen Punkten in die Irre, sei es weil er Fakten unterschlägt oder aber die unterschiedlichen historischen Möglichkeiten von Emanzipation (Produktivkräfte, Proletariat, Aufklärung) nicht in Rechnung stellt.

- Das in Münster mit der Einführung der Polygamie selbst für die damalige Zeit ein enormer patriarchaler Backlash einsetzte, stimmt. Diesen mit der ultra-patriarchalen Ideologie „des“ IS gleichzusetzen, haut trotzdem nicht hin. Denn Hintergrund in Münster war die ausgesprochen aktive Rolle, die Frauen bei der Machtergreifung des Täufertums gespielt hatten. Wie schon bei den mittelalterlichen Häretikern, fanden sie auch hier neue, weitreichende Möglichkeiten gesellschaftlicher Betätigung. Und als die Renitenz, mit der sich Frauen gegen die Polygamie auflehnten, auch mit Repression nicht gebrochen werden konnte, wurde in Münster vorübergehend ein Scheidungsrecht eingeführt. Für die damalige Zeit war das in etwa so ungewöhnlich wie die Polygamie selbst. (Einiges zu dem Thema findet sich bei Rolf Klötzer: Die Täuferherrschaft von Münster. Stadtreformation und Welterneuerung, Münster 1992.)

- Die Bildungsfeindlichkeit die Schulz an Münster und IS stört ist heute sicherlich nichts Fortschrittliches, hatte in Münster aber andere Hintergründe. Sie entsprang dem in Spätmittelalter und Reformationszeit weit verbreiteten Antiklerikalismus. Zugespitzt ging es darum, die Heilsvermittlung durch die zur herrschenden Klasse gehörenden Kirche zu beseitigen und so etwas wie eine kulturelle Autonomie der unteren Klassen herzustellen. Wenn niemand einen Bildungsvorsprung in Sachen „richtiger“ Religion hat, kann dieser auch nicht mehr zur Rechtfertigung bestehenden Unrechts genutzt werden.

- Selbst die heute tatsächlich vollkommen irre Trennung von „Gottlosen“ und „Auserwählten“ ist vor 500 Jahren ambivalenter zu beurteilen. Zwar sollte in sie keine defizitäre oder gar alternative Klassenanalyse hineinprojiziert werden. Dennoch ging es in der Praxis oft um die Aufforderung, sich in einem gesellschaftlichen Konflikt zu positionieren, der auch klassenkämpferische Züge trug. Was diesen Aspekt angeht, ist der Unterschied zum „which side are you on?“ der späteren ArbeiterInnenbewegung gar nicht so groß.

Nun ist das Täuferreich von Münster schon immer Gegenstand aller möglicher Projektionen gewesen. Eine interessantere Überlegung -auch im historischen Vergleich- wäre gewesen, was genau die Anziehungskraft apokalyptischen Denkens ausmacht. Immerhin lässt sich diese schon seit Tausenden von Jahren feststellen. Sie begegnet uns zumeist religiös, aber auch säkularisiert, etwa in den schlichteren Varianten des Marxismus. Vor der Aufklärung war sie gelegentlich mit Kämpfen um die Emanzipation des Menschen verbunden (jedoch nicht deckungsgleich mit ihnen). Und trotz Aufklärung begegnet sie uns noch heute, allerdings im Dienste finsterster Barbarei. Die Frage nach dieser Anziehungskraft der Apokalyptik wäre in Sachen IS als Ergänzung zur ökonomischen Analyse entscheidend. Schulz widmet sich ihr letztlich doch nicht, und belässt es bei einer pathologisierenden Polemik gegen das „globale Reservoir an Fanatikern und Psychopathen“ aus dem „der“ IS schöpfe. Gerade im Sinne richtig verstandener Aufklärung müsste es hier aber eher darum gehen, Fragen aufzuwerfen, statt zu einfache Antworten zu geben.

alval