490 Jahre ohne Thomas Müntzer

Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sein unser Herrn und Fürsten, nehmen alle Kreaturen zum Eigentum: die Fisch im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihr sein (Jes. 5). Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: »Gott hat geboten: Du sollst nicht stehlen.« Es dient aber ihnen nicht. So sie nun alle Menschen verursachen, den armen Ackermann, Handwerkmann und alles, das da lebt, schinden und schaben (Micha 3. Kap.). So er sich dann vergreift am allergeringesten, so muß er hängen. Da saget denn der Doktor Lügner [Luther]: Amen. Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muß ich aufrührisch sein! Wohlhin! (Thomas Müntzer, Hochverursachte Schutzrede, 1524)

Heute sind auf dem Tag 490 Jahre vergangen, seit der Verfasser der oben stehenden Zeilen vor den Toren Mühlhausens enthauptet wurde. Zuvor war der Bauernhaufen vor Frankenhausen von den vereinten Fürstenheeren besiegt worden. Die Wiederherstellung der Obrigkeit vollzog sich in einem unfassbaren Blutvergießen, in dessen Zuge schließlich auch Müntzer gefasst wurde. Im Schloss Heldrungen wurde er gefangen und gefoltert, in der Gewalt jenes Grafen, dem er noch wenige Tage vor der Schlacht von Frankenhausen aus dem Heerlager der Bauern geschrieben hatte: „Kurzum, du bist durch Gottes kräftige Gewalt der Verderbung überantwortet. Wirst du dich nicht demütigen für den Kleinen, so wird dir ein ewige Schande für der ganzen Christenheit auf den Hals fallen und wirst des Teufels Marterer werden. Daß du auch wissest, daß wir’s gestrackten Befehl haben, sage ich: Der ewige lebendige Gott hat’s geheißen, dich von dem Stuhl mit Gewalt, uns gegeben zu stoßen“. Doch die Herren blieben auf dem Stuhl, der bis heute -und erst recht in Deutschland- niemals wirklich umgestoßen wurde. Stattdessen fiel Müntzers Kopf. In der Tragik des einen gescheiterten Revolutionärs finden sich Spuren aller anderen zu allen Zeiten wieder. „Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 6. These)

So wie es im Wesen der Daten und Jahreszahlen liegt, werden wir heute in 10 Jahren wohl ein weitaus mehr beachtetes Müntzergedenken erleben. Wie werden wir dann leben? Und wie wird unser Bild dieses Menschen dann ausfallen? Im Folgenden soll versucht werden, einige Punkte zu erahnen.

Lange Zeit gab es zwei große Linien der Müntzerforschung: Die einen sahen den Theologen, der durch tragische Verstrickungen mehr oder weniger unfallartig in die Wirren des Bauernkriegs geriet. Die anderen den kühnen Revolutionär und Bauernführer, der, da er ja keine Gelegenheit hatte das kommunistische Manifest zu studieren, notgedrungen auch etwas Theologie betreiben musste.
Der Ursprung letzterer Strömung findet sich in Friedrich Engels „Der deutsche Bauernkrieg“ von 1850. Engels will angesichts der von ihm miterlebten Niederlage der 1848er-Revolution aus der Niederlage von 1525 lernen. Er lieferte ein anregendes Beispiel, wie eine revolutionär-engagierte materialistische Geschichtsanalyse aussehen kann. Was er über Müntzer schreibt, entpuppt sich aber angesichts der heute wesentlich fortgeschrittenen Forschung und Quellenlage oft als groteske Projektion: „Wie Münzers Religionsphilosophie an den Atheismus, so streifte sein politisches Programm an den Kommunismus […] Dies Programm, weniger die Zusammenfassung der Forderungen der damaligen Plebejer als die geniale Antizipation der Emanzipationsbedingungen der kaum sich entwickelnden proletarischen Elemente unter diesen Plebejern – dies Programm forderte die sofortige Herstellung des Reiches Gottes, des prophezeiten Tausendjährigen Reichs auf Erden, durch Zurückführung der Kirche auf ihren Ursprung und Beseitigung aller Institutionen, die mit dieser angeblich urchristlichen, in Wirklichkeit aber sehr neuen Kirche in Widerspruch standen. Unter dem Reich Gottes verstand Münzer aber nichts anderes als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbständige, fremde Staatsgewalt mehr bestehen.“
Wohin diese Projektionen führen konnten, zeigt sich im DEFA-Film „Thomas Müntzer – Ein Film deutscher Geschichte“ von 1956. Hier wirkt Müntzer wie der durch die Zeit gereiste Lenin, der ganz im Sinne seines Avantgardebegriffs noch die Bauern im 16. Jahrhundert über ihren objektiven Klassenstandpunkt aufklärt.

Als sich in der westdeutschen Geschichtsschreibung die Wende zur Sozialgeschichte vollzog und sich parallel dazu die DDR-Führung entschloss, nicht jeden Zoll Thomas Müntzer als Legitimierung eigener Herrschaft einspannen zu wollen, fanden in den 1970-80ern beide Strömungen der Forschung allmählich zueinander. Heute gilt Müntzer weithin gleichermaßen als Theologe und Revolutionär, als tiefgläubiger christlicher Priester mit prophetischen Selbstverständnis, den die Beschäftigung mit Mystik, Humanismus und Apokalyptik aber eben auch seine Erfahrungen mit den gesellschaftlichen Widersprüche seine Zeit zur Bejahung und aktiven Unterstützung des bewaffneten Aufstands gegen die Obrigkeit drängte. Doch auch diese Synthese und die darauf fußende ausgesprochen umfangreiche Forschung zu Müntzer lässt noch viele Fragen offen.

Denn sein Weg zu den aufständischen Bauern war alles andere gradlinig. Er entstammte dem Stadtbürgertum und verbrachte den größten Teil seines so abrupt beendeten Lebens in Städten, wo er meistens in Kontakt mit den lokalen Eliten stand. Den Weg von der Kirchenkritik zur Obrigkeitskritik fand er, als eben jener Graf zu Heldrungen, einige Jahre bevor Müntzer in seinen Kerkern landete, seinen Untertanen den Besuch von dessen Gottesdiensten verbot. Dennoch hoffte Müntzer zunächst weiterhin auf die Herrschenden als Träger seiner radikalen Reformation. Ob seine Obrigkeitslehre „nur“ ein zunächst passives, später auch aktives Widerstandsrecht gegen tyrannische Obrigkeit umfasste, oder ob Müntzer am Ende seines Lebens durchtränkt von apokalyptischer Naherwartung alle Herrschaft verwarf, wird heute unterschiedlich ausgelegt. Sein Verhältnis zu den revoltierenden Bauern und Plebejern war jedenfalls nicht so einfach, wie es bei der DEFA erscheint.

Schon Engels erkannte ganz richtig, dass in Müntzers Theologie nicht einfach die Forderungen der Aufständischen generalisiert werden. Von einer Vorwegnahme eines proletarischen Klassenstandpunkts zu reden, ist aber eben so irreführend.
In den Forderungen der Bauernschaft ging es zumeist um eine Reform bestehender Herrschafts- und Besitzverhältnisse zu ihren Gunsten. Insbesondere der im Zuge frühkapitalistischer Entwicklung von den Feudalherren unternommene Angriff auf gemeinschaftliche Nutzungsrechte an Wäldern, Wiesen und Gewässern war eine Quelle der Auseinandersetzungen. Diese trafen zeitlich mit alten Kämpfen der urbanen Mittelschichten um die Beteiligung am städtischen Regiment zusammen.
Müntzers Verhältnis zu diesen Forderungen war eher instrumenteller Natur, im Detail hat er sich nie zu ihnen geäußert. Sein Problem war nicht die Reform bestehender Klassenverhältnisse, sondern die radikale Abkehr von der materiellen Welt in der religiös-endzeitlichen Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Es gilt bei ihm die göttliche Schöpfungsordnung wiederherzustellen, alles Leid und alle Not, eben auch die menschlichen Grundkategorien von Sterblichkeit und Schuld, zu beseitigen. Wie eine solche, in dieser Radikalität kaum denkbare Ordnung im Detail aussehen soll, bleibt bei ihm offen. Die Aufständischen sind das Werkzeug Gottes in der angebrochenen Apokalypse, ihre Aufgabe ist es die Auserwählten (zumeist Untertanen) von den Gottlosen (zumeist Herrschenden) zu trennen und letztere zu strafen. Wie dann der weitere Weg zur Erlösung aussehen soll, berichtet Müntzer ebensowenig. Klar ist, dass wer sich solche Ziele setzt, sie ohne ein Eingreifen Gottes nicht erreichen kann. Aber für Müntzer war Gott mitten im Geschehen der Revolution gegenwärtig, weshalb ihr Sieg heilsgeschichtlich garantiert sei. Die Erfahrung, dass dem nicht so war, kostete ihm das Leben und verhinderte die weitere Ausarbeitung seiner Theologie.

Die Glaubwürdigkeit der letzten Zeilen aus Müntzers Hand ist nicht unumstritten. Am 17. Mai 1525, also eine knappe Woche vor seiner Hinrichtung, schrieb der geschlagene Revolutionär aus der Gefangenschaft an seine Anhänger: „Nachdem es Gott also wohlgefällt, dass ich von hinnen scheiden werde in wahrhaftiger Erkenntnis des göttlichen Namens und in Erstattung etlicher Missbräuche, die vom Volk begangen sind, das mich nicht verstanden hat, sondern nur auf Eigennutz gesehen hat, der zum Untergang göttlicher Wahrheit gelangt, bin ich’s auch herzlich zufrieden, daß es Gott also verfügt hat, mit allen seinen vollzogenen Werken, welche nicht nach dem äußerlichen Ansehen, sondern nach der Wahrheit geurteilt werden, Joh. 7.“ Hier lässt sich zwischen den Zeilen eine bis zum Letzten erfolgte Verteidigung von Müntzers wesentlichen Standpunkt herauslesen. Vor allem wird aber deutlich, wie prekär sein Bündnis mit den Aufständischen letztlich war. Demagogisch wäre es, wollte man hier religiösen Fanatismus auf der einen und bäuerliche Beschränktheit auf der anderen Seite sehen. Es ist der alte Widerspruch zwischen radikaler Utopie, die gerade auch im Religiösen ihren Platz hat und auf das ganz Andere verweist, es im Hier und Jetzt einfordert und politischen Aktionsprogrammen, die von konkreten Klassenstandpunkten ausgehend nach realen Ansatzpunkten zur Umgestaltung des Bestehenden suchen. Zu sagen, das Eine sei mehr oder weniger radikal als das andere führt in die Irre. Beides muss immer wieder miteinander um das richtige Verhältnis ringen und wird sich bis zuletzt gegen die Gewalt des Bestehenden behaupten müssen. Mit all denen, die auf diesem Weg gefallen sind, als Mahnung und Verpflichtung.

alval