Christliche Endzeiterwartung als Herrschaftskritik?


Die sechste Posaune aus Albrecht Dürers Apokalypse von 1498. Rechts unten werden der Papst und weitere Herrscher erschlagen.

Christliches Denken befindet sich immer in einem Spannungsverhältnis von Weltüberwindung und Weltgestaltung. Ihm ist bewusst, dass irdische Dinge endlich sind: Reiche zerfallen, Menschen sterben, Leiber verwesen. Wie auch das Judentum, geht es aber über diese banale wie erschreckende Erkenntnis hinaus und denkt wesentlich heilsgeschichtlich. Gott hat einen Plan mit der Welt, den er durch geschichtliches Handeln vollzieht. Und wichtige Etappen dieser heilsgeschichtlichen Entwicklung sind für Christen bereits vollzogen: Nach Schöpfung, Sündenfall und Erlösung durch Christus gilt es nun, seine Wiederkehr zu erwarten, die zugleich das Ende dieser Welt und die Schaffung eines neuen Himmel und einer neue Erde bedeutet. Heilsgeschichte beschreibt somit, wie Handeln in und an der Welt aus eben dieser Welt herausführt. Wer sich ihr widmet, der hat die Welt und ihre Überwindung im Blick.

Wer so von der Vergänglichkeit der Dinge durchdrungen ist, für den kann es gute Gründe geben, sich nicht in dieser Welt einzurichten. In der Geschichte begegnen uns immer wieder solche Typen: Der Asket in der Wüste, der Mönch in seiner Zelle, der Wanderprediger, der zur Buße aufruft. Eine mögliche Motivation ihres Tuns ist die Apokalyptik. Also Vorstellungen, dass der Zeitpunkt des Weltendes bestimmbar und/oder nahe ist und durch Zeichen angekündigt wird, dass sich in seiner Erwartung von der Welt abgewandt werden muss, damit sich die Auserwählten von jenen scheiden, die in der Apokalypse untergehen werden.
Eine Weltreligion kann aber nicht erfolgreich sein, indem sie jahrhundertelang die nahe Apokalypse prophezeit und nichts als Weltabsonderung propagiert. Sie muss die Welt gestalten und wird sich dabei unvermeidlich in sie verstricken. Es begann im Christentum mit der Gemeindebildung, der sich selbst die Apokalyptik nicht entziehen konnte. Daraus entstanden christliche Institutionen, die zunehmend in die bestehenden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse integriert wurden und sie schließlich maßgeblich mittrugen. Aber auch auf Sorgen und Nöten der Gläubigen wurde reagiert, es entstand eine christliche Ethik und Lebensführung, die alltagspraktische Ratschläge erteilte und soziale Normen propagierte.

Was ist nun also der Sitz endzeitlichen Denkens in jener Welt, deren Ende es ansagt? Eine bestechend schlichte Erzählung ginge etwa so: Apokalyptik entspricht einer Erfahrung der Welt als von Unterdrückung und Ausbeutung gekennzeichnet, Weltgestaltung will die Versöhnung mit eben diesen Verhältnissen. In der Endzeiterwartung artikuliert sich ein egalitäres Aufbegehren gegen eine Kirche, die ihren Frieden mit Besitz und Macht geschlossen hatte. Es ist daher wesentlich eine Reaktion auf spirituelle und materielle Krisen. Das Widersprüchliche und Bedrängende der Krisenzeit wird als endzeitliches Zeichen lesbar. Dadurch wird die eigene Welterfahrung eingebetet in die apokalyptische Erzählung, deren Grundstruktur Trost und Hoffnung spendet: Zwar wird sich das Grauen bis ins unermessliche Steigern, doch die Auserwählten werden überstehen, um endlich den neuen Himmel und die neue Erde zu bewohnen. Der Weltgestaltung hingegen entspricht ein stabiles, prosperierendes Umfeld. Sie ist verbunden mit der christlichen Herrschaft.

Das frühe Christentum war eine Religion der einfachen Leute. Sie standen am Rande der Gesellschaft, erfüllt von der Erwartung, dass diese schlechte Welt schon bald untergehen werde. Das schnelle Wachstum der Religionsgemeinschaft führte zu fortschreitender Gemeindebildung, fortschreitende Gemeindebildung zu immer strafferer Organisation. Diese war ein Mitgrund, wieso das Christentum zur römischen Staatsreligion werden konnte. Es folgte eine theologische Aussöhnung mit der Herrschaft, in deren Zuge Augustinus der Apokalyptik einen Riegel vorschob. Ihm zufolge erlaubt die Bibel nicht die Deutung geschichtlicher Ereignisse der Zeit nach Jesu, Gut und Böse seien nur von Gott und nicht von den Menschen zu scheiden.

Diese Dogmen blieben unangetastet, bis im hohen Mittelalter die Einheit von Kirche und Reich zerbrach. Dieser Verlust christlichen Universalismus mündete in einer tiefen Krisenerfahrung. Bewältigt wurde sie durch den Rückgriff auf endzeitliche Deutungsmuster, die nun zu neuer Blüte gelangten, insbesondere in den Schriften des Joachim von Fiore. Er entwickelte eine neuartige Dichte in der Interpretation geschichtlicher Ereignisse als endzeitliche Zeichen und prägte wesentlich die Erwartung eines endzeitlichen, diesseitigen tausendjährigen Friedensreichs auf Erden. Dabei trat er für eine einfache, arme Kirche ein. In popularisierter, teils auch verfälschter Form überliefert, übte sein Werk großen Einfluss auf die Endzeiterwartung folgender Generationen – einschließlich Thomas Müntzer.
Im späten Mittelalter verlor die Apokalyptik innerhalb der gelehrten Diskurse an Boden. Gegenüber der überlieferten Flut prophetischer Schriften wurden Zweifel geäußert, ein säkulares politisches Denken begann sich zu entfalten und die Hochscholastik stellte individuelle Lebensführung in den Vordergrund. Als Orte apokalyptischen Denkens blieben das Ringen um Ordens- und Kirchenreform sowie die sozialrevolutionären, häretischen Bewegungen.

Diese große Erzählung hat ihren Reiz, erweist sich bei näherem Hinsehen aber als überaus fragwürdig. Die frühen Christen bildeten zwar eine Parallelgesellschaft, aber Aufruhr lag ihnen fern. Als Augustinus gegen die Apokalyptik anschrieb, hatte der Zerfall des römischen Imperiums begonnen, Unsicherheit machte sich unter den Zeitgenossen breit. Beim erneuten Durchbruch der Apokalyptik im Hochmittelalter erlebte Europa eine dynamische Phase wirtschaftlichen Aufschwungs. Als diese im späten Mittelalter in eine Krise geriet, war die gelehrte Endzeiterwartung rückläufig.
Joachim von Fiore, papsttreuer Reformer und gefragter Berater der Mächtigen seiner Zeit, war zuweilen der modernen Geschichtsschreibung der Häresie verdächtig – nicht jedoch seinen Zeitgenossen. Noch schärfere, tatsächlich häretische Kritiker der besitzenden Kirche wie John Wycliff und Jan Hus kamen ganz ohne Rückgriff auf Endzeiterwartung aus. Der junge Albrecht Dürer schuf eine Holzschnittserie zur Apokalypse, deren Bildsprache deutlich antiklerikal wenn nicht sozialrevolutionär aufgeladen ist. Seinen Aufstieg zum erfolgreichen und achtbaren Mitglied der städtischen Elite des mächtigen Nürnbergs hat es nicht behindert.

Der Widerspruch von Weltgestaltung und Weltüberwindung stellt sich jedem christlichen Denker in seiner Zeit. Endzeitliches Denken hat es folglich in allen Epochen gegeben, es sollte nicht auf ein bloßes Krisensymptom reduziert und schon gar nicht pauschal mit Häresie und Aufstand identifiziert werden. Es kann aber nicht verkannt werden, dass ein solches Denken in Krisenzeiten Konjunktur hatte und an die egalitären Wurzeln des Christentums anknüpfte.

alval

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