„Ungebändigte Aktionen des Volkes zu begrifflicher Klarheit bringen“ – Roger Bacon und Karl Marx

Roger Bacon
Roger Bacon

Bücher, Texte, Zeichen – und mit einem Mal ziehen sich die Jahrhunderte zusammen, ein Netz von Fäden wird sichtbar. Verlorene Fäden des Leids binden sich an Garne der Sehnsucht. Verwoben mit dem Zwirn akkumulierter Wut werden sie zum Textil der Hoffnung, dem Stoff der Geschichte. Alte Nähte platzen auf, geschlossenen Strickwerke lösen sich und Gedankenfasern verspinnen sich zu neuen Mustern. Ungeahnte Verknüpfungen entstehen ausgehend von offenen Maschen und brüchigen Nahtstellen – Gedanken, Affekte, Zeichen schießen zusammen: Eine entangeld history der Subversion blitzt auf. Lasst uns die alten Gewänder zerreißen als Zeichen der Trauer und schreien als Zeichen des Zorns. Dran, dran, dran! Kämpfen wir im Zeichen des Eingedenkens, denn wir wissen „die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird.“ Verbinden wir das Altbekannte zu neuen Mustern, suchen wir im Heute nach den Spuren des Vergangenen und in den Artefakten des Vergangenen nach dem noch warmen Atmen der Jetztzeit. Und „streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten?“ Lasst uns radikal-modisch sein, denn „die Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt.“ (Benjamin, Über den Begriff der Geschichte). Schauen wir zurück, um unsere Gegenwart erkennen und nach vorne blicken zu können. Lasst uns wagen und lauschen- die Bücher sprechen miteinander!

Die einfachen Laien fühlen eine Wahrheit, die vielleicht wahrer ist als die Wahrheit der Theologen, doch dann vergeuden sie diese gefühlte Wahrheit in unbedachten Aktionen. Was kann man dagegen tun? Den einfachen Leute die Wissenschaft bringen ? […] Der große Bonaventura sagte, die Gelehrten müßten die Wahrheit, die in den Aktionen der einfachen Leute steckt, zu begrifflicher Klarheit bringen …“ (Eco, Der Name der Rose, S.261).

Bonaventuras Zeitgenosse Roger Bacon (1214-1294) formuliert dazu passend: „Quod enim laicale ruditate turgescit non habet effectum nisi fortuito. Sed opera sapientiae certa lege vallantur et in fine debitum efficaciter diriguntur. – Die Erfahrung der einfachen Leute mündet in wilde und unkontrollierte Aktionen. Aber die Werke der Weisheit sind an bestimmte Gesetze gebunden und wirksam auf ihr notwendiges Ziel gerichtet.“ (Roger Bacon, Compendium Studii Philosophiae, I, p. 395)

Streift uns hier nicht ein Hauch vergangener Zukunft, klingt diese Passage nicht verblüffend nach Marx? Und ob: “Wir sagen ihr [der Welt] nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will. Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein innewerden läßt, daß man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihre eignen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehn, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall ist, als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewußte menschliche Form gebracht werden.“ (MEW 1, Briefe aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern S.346)

Doch die Verknüpfungen sind noch vielfältiger, denn der Proto-Empiriker Bacon fordert es sei, um diesen sozialen Gesetzen nachzuforschen, unerlässlich sich vom Glauben an alte Autoritäten zu befreien und stattdessen auf Grundlage von realen Erfahrungen zu urteilen: „Das Argument aus der Autorität bringt weder Sicherheit, noch beseitigt es Zweifel. […] Mittels dreier Methoden können wir etwas wissen: durch Autorität, Begründung und Erfahrung. Die Autorität nützt nichts, wenn sie nicht auf Begründung beruht: Wir glauben einer Autorität, sehen aber nichts ihretwegen ein. Doch auch die Begründung führt nicht zu Wissen, wenn wir nicht ihre Schlüsse durch die Praxis (des Experiments) überprüfen. […] Über allen Wissenschaften steht die vollkommenste von ihnen, die alle anderen verifiziert: Es ist das die Erfahrungswissenschaft, die die Begründung vernachlässigt, weil sie nichts verifiziert, wenn nicht das Experiment ihr zu Seite steht. Denn nur das Experiment verifiziert, nicht aber das Argument“ (Bacon, Opus maius). Gemahnt uns jene Passage nicht sowohl an die Notwendigkeit der Erprobung jeder (revolutionären) Theorie an einer (revolutionären) Praxis als auch an die Notwendigkeit einer immanenten Kritik des Bestehenden ? Und bricht Bacon hier zusammen mit seiner Aristoteles-Übersetzung „Prudens quaestio dimidium scientiae – die richtigen Fragen zu stellen ist die halbe Wahrheit“ (Bacon, Novum organum) nicht außerdem eine Lanze für die „die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten“ (Marx, Briefe). Roger Bacon gilt zudem als einer der Erfinder der Brille und hat damit wohl maßgeblicher zur Schärfung der „Waffe der Kritik“ beigetragen als manchen bewusst ist.

Das Aufgreifen offener Fäden dieser Art bleibt stumm, wenn sie nicht durch stichhaltige Kritik zu Tauen der Solidarität verflochten werden. Vor allem aber kommt es darauf an ihre Enden in unseren eigenen Verstrickungen mit dem Bestehende suchen. Erst dann fangen sie an zu sprechen, werden beredt, werden sie Text-il, der Stoff aus dem die Hoffnung spricht. „Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“(Marx, Briefe) Dran, dran, dran knüpfen wir aus den Fäden neue Banden der Assoziationen. Schöpfen wir aus bestehenden Kritiken und neuen Erfahrungen, um die Fahnen der Freiheit zu knoten, auf dass wir uns bereit machen der Herrschaft ihr Leichentuch zu weben!

Charles le chat