Archiv für Mai 2015

490 Jahre ohne Thomas Müntzer

Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sein unser Herrn und Fürsten, nehmen alle Kreaturen zum Eigentum: die Fisch im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihr sein (Jes. 5). Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: »Gott hat geboten: Du sollst nicht stehlen.« Es dient aber ihnen nicht. So sie nun alle Menschen verursachen, den armen Ackermann, Handwerkmann und alles, das da lebt, schinden und schaben (Micha 3. Kap.). So er sich dann vergreift am allergeringesten, so muß er hängen. Da saget denn der Doktor Lügner [Luther]: Amen. Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muß ich aufrührisch sein! Wohlhin! (Thomas Müntzer, Hochverursachte Schutzrede, 1524)

Heute sind auf dem Tag 490 Jahre vergangen, seit der Verfasser der oben stehenden Zeilen vor den Toren Mühlhausens enthauptet wurde. Zuvor war der Bauernhaufen vor Frankenhausen von den vereinten Fürstenheeren besiegt worden. Die Wiederherstellung der Obrigkeit vollzog sich in einem unfassbaren Blutvergießen, in dessen Zuge schließlich auch Müntzer gefasst wurde. Im Schloss Heldrungen wurde er gefangen und gefoltert, in der Gewalt jenes Grafen, dem er noch wenige Tage vor der Schlacht von Frankenhausen aus dem Heerlager der Bauern geschrieben hatte: „Kurzum, du bist durch Gottes kräftige Gewalt der Verderbung überantwortet. Wirst du dich nicht demütigen für den Kleinen, so wird dir ein ewige Schande für der ganzen Christenheit auf den Hals fallen und wirst des Teufels Marterer werden. Daß du auch wissest, daß wir’s gestrackten Befehl haben, sage ich: Der ewige lebendige Gott hat’s geheißen, dich von dem Stuhl mit Gewalt, uns gegeben zu stoßen“. Doch die Herren blieben auf dem Stuhl, der bis heute -und erst recht in Deutschland- niemals wirklich umgestoßen wurde. Stattdessen fiel Müntzers Kopf. In der Tragik des einen gescheiterten Revolutionärs finden sich Spuren aller anderen zu allen Zeiten wieder. „Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 6. These)

So wie es im Wesen der Daten und Jahreszahlen liegt, werden wir heute in 10 Jahren wohl ein weitaus mehr beachtetes Müntzergedenken erleben. Wie werden wir dann leben? Und wie wird unser Bild dieses Menschen dann ausfallen? Im Folgenden soll versucht werden, einige Punkte zu erahnen. (mehr…)

Tod

La mort est nécessairement une contre-révolution
(An einer Pariser Mauer im Mai 1968)

„Ungebändigte Aktionen des Volkes zu begrifflicher Klarheit bringen“ – Roger Bacon und Karl Marx

Roger Bacon
Roger Bacon

Bücher, Texte, Zeichen – und mit einem Mal ziehen sich die Jahrhunderte zusammen, ein Netz von Fäden wird sichtbar. Verlorene Fäden des Leids binden sich an Garne der Sehnsucht. Verwoben mit dem Zwirn akkumulierter Wut werden sie zum Textil der Hoffnung, dem Stoff der Geschichte. Alte Nähte platzen auf, geschlossenen Strickwerke lösen sich und Gedankenfasern verspinnen sich zu neuen Mustern. Ungeahnte Verknüpfungen entstehen ausgehend von offenen Maschen und brüchigen Nahtstellen – Gedanken, Affekte, Zeichen schießen zusammen: Eine entangeld history der Subversion blitzt auf. Lasst uns die alten Gewänder zerreißen als Zeichen der Trauer und schreien als Zeichen des Zorns. Dran, dran, dran! Kämpfen wir im Zeichen des Eingedenkens, denn wir wissen „die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird.“ Verbinden wir das Altbekannte zu neuen Mustern, suchen wir im Heute nach den Spuren des Vergangenen und in den Artefakten des Vergangenen nach dem noch warmen Atmen der Jetztzeit. Und „streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten?“ Lasst uns radikal-modisch sein, denn „die Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt.“ (Benjamin, Über den Begriff der Geschichte). Schauen wir zurück, um unsere Gegenwart erkennen und nach vorne blicken zu können. Lasst uns wagen und lauschen- die Bücher sprechen miteinander!

Die einfachen Laien fühlen eine Wahrheit, die vielleicht wahrer ist als die Wahrheit der Theologen, doch dann vergeuden sie diese gefühlte Wahrheit in unbedachten Aktionen. Was kann man dagegen tun? Den einfachen Leute die Wissenschaft bringen ? […] Der große Bonaventura sagte, die Gelehrten müßten die Wahrheit, die in den Aktionen der einfachen Leute steckt, zu begrifflicher Klarheit bringen …“ (Eco, Der Name der Rose, S.261).
(mehr…)

Christliche Endzeiterwartung als Herrschaftskritik?


Die sechste Posaune aus Albrecht Dürers Apokalypse von 1498. Rechts unten werden der Papst und weitere Herrscher erschlagen.

Christliches Denken befindet sich immer in einem Spannungsverhältnis von Weltüberwindung und Weltgestaltung. Ihm ist bewusst, dass irdische Dinge endlich sind: Reiche zerfallen, Menschen sterben, Leiber verwesen. Wie auch das Judentum, geht es aber über diese banale wie erschreckende Erkenntnis hinaus und denkt wesentlich heilsgeschichtlich. Gott hat einen Plan mit der Welt, den er durch geschichtliches Handeln vollzieht. Und wichtige Etappen dieser heilsgeschichtlichen Entwicklung sind für Christen bereits vollzogen: Nach Schöpfung, Sündenfall und Erlösung durch Christus gilt es nun, seine Wiederkehr zu erwarten, die zugleich das Ende dieser Welt und die Schaffung eines neuen Himmel und einer neue Erde bedeutet. Heilsgeschichte beschreibt somit, wie Handeln in und an der Welt aus eben dieser Welt herausführt. Wer sich ihr widmet, der hat die Welt und ihre Überwindung im Blick.
(mehr…)

Wagen wir das Spiel…

„Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ´historischen Materialismus´ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1. These)