Gedanken zu Ende Gelände 2016

Plötzlich Bewegung

Mittwochmittag, ein sonniger Maitag, Ankunft auf dem Klimacamp in Proschim. Es ist nicht das erste, dass ich in dieser Gegend erlebe und die ersten (positiven) Eindrücke sind auch nicht viel anders als bei anderen linken Camps der letzten Jahre. Hier ein Plenum, in das ich mich einklinke, kaum dass ich meine Sachen abgestellt habe; dort viele liebe, lang nicht gesehene Freunde aus anderen Teilen Deutschlands, die ich später rund um die Essenausgabe treffe. Der Abend klingt aus mit einer kohlekritischen Theateraufführung der Berliner Compagnie und einem Konzert vom Geigerzähler. Es ist ein schöner Tag, der so aber auch in anderen Jahren an anderen Orten stattfinden könnte.

Am Donnerstag verändert sich etwas Entscheidendes und ich, beschäftigt mit meinen Aufgaben auf dem Camp, bemerke es lange nicht. Dann kommt der Donnerstagabend, die Arbeit ist getan, ich streife durch das zentrale Areal und kann die beinahe schon elektrische Spannung förmlich knistern hören, die hier zwischen den Menschen überspringt. Es ist nur die bloße Zahl der Anwesenden, die sich über den Tag enorm gewachsen ist, es ist eine andere Qualität, ein andere Form von Zusammensein. In Erwartung des gemeinsamen massenhaften Aufbruchs am nächsten Tag teilen praktisch Alle eine nervöse, aufgekratzte Anspannung miteinander, ganz egal ob man in der Dunkelheit noch Strohsäcke stopft und Overalls besprüht, die in wenigen Stunden in der Grube zum Einsatz kommen werden, oder ob man um Tische und auf der Wiese sich in Gruppen versammelt. Dazu kommt das eher leise, manchmal laute, fortwährende Gewirr und Gemurmel der vielen Stimmen, die Vielfalt der Sprachen. Es sind viele Menschen aus Großbritannien und Frankreich, Belgien und den Niederlanden aber auch aus Spanien, Dänemark, Schweden, Polen, der Tschechei und der Ukraine, aus der Türkei und selbst Südafrika gekommen. Am Rand eines kleinen, bedrohten Dorfs in der Niederlausitz, dessen Existenz den Allermeisten vor kurzem noch völlig unbekannt gewesen sein dürfte, teilt uns alle die Erfahrung, von etwas ergriffen zu sein, was uns unbedingt angeht, für das wir kämpfen wollen und das uns an diesem Abend über alle Sprach- und Erfahrungsgrenzen hinweg in einer fieberhaften Spannung miteinander verbindet. Es ist, zeitlich beinahe perfekt passend, genau diese Erfahrung, die auch in der Erzählung vom Pfingstwunder aufscheint: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen […] Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? […] Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?“ (Apg 2, 1-13)

Es ist diese Erfahrung von Gemeinsamkeit und Kollektivität, die wohl dem entspricht, was für die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts die Fabrik, der Streik, die Nachbarschaft war und was im neoliberalen Stadium des Kapitalismus mit der Atomisierung der Menschen immer mehr verschwindet. Das macht solche Erfahrungen umso wertvoller, zu gleich aber auch begrenzt. Denn wenn die Erfahrung kämpferischer Kollektivität hauptsächlich bei solchen Anlässen und nicht mehr in der eigenen Alltagswirklichkeit gemacht wird, droht linke Politik entweder zum Bewegungs-hopping oder zur Frustrationsmaschiene mit solchen Aktionen als bloßem Akku-aufladen zu werden.
Begrenzt ist die Bewegung auch noch in eine andere Richtung. Selbst wohlwollend geschätzt sind 80% der Anwesenden angereist, jung, weiß, gebildet und leben in einer Stadt. Das ist eine Grenze und ein Problem das wir haben, sollte aber nicht in Selbstverdammung und Starren auf ein imaginiertes revolutionäres Subjekt führen. Jede Bewegung ist nur ein Ausschnitt der Gesamtgesellschaft und organisiert daher bestimmte soziale Gruppen. Die klassische Arbeiterbewegung hat nie „die“ Arbeiter organisiert, sondern war im Kern immer eine Bewegung der qualifizierten Arbeiterschaft, die die Kämpfe der Ungelernten, der Landarbeiter, der vagabundierenden Arbeiter, der HeimarbeiterInnen u.v.a.m, falls sie sie überhaupt wahrgenommen hat, nur punktuell in die eigene Bewegung integrieren konnte. Vielleicht wäre manche Niederlage vermeidbar gewesen, wenn es ihr gelungen wäre – an ihrer Rolle als wichtigem Subjekt von Emanzipation ändert das nichts. Bezogen auf Ende Gelände ist daher nicht nur die Frage interessant, wer nicht kommt, sondern warum gerade die Gruppen kommen, die da sind. Was ist ihr gesellschaftlicher Ort, welche Erfahrungen bringen sie mit, wie ist ihr Verhältnis zu den Widersprüchen unserer Zeit, welche Bedeutung haben sie in der gesellschaftlichen Produktion des Reichtums?
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Von Prometeus zum Cyborg

In wenigen Stunden produziertes Feature zur ambivalenten Allegorie des Prometeus‘ mit Pespektiven auf Cyborgidentität.

Prometea als Cyborg

Donnerstag aus LICHT

Ästhetische Schlacht um das himmlische Jerusalem

„Von 1977 bis 2003 komponierte Karlheinz Stockhausen den siebenteiligen Opernzyklus LICHT. Jedem der sieben Tage der Woche ist darin eine Oper gewidmet, und in jeder Oper entwickelt sich das musikalische Spiel kosmischer Kräfte auf eine besondere, die Stel- lung des Menschen in der Welt und die Grundbedingungen seines Lebens charakterisie- rende Weise. Protagonisten des Zyklus sind Michael, Luzifer und Eva. Deren in wechseln- den Konstellationen den Gang der Woche prägendes Zusammenwirken spiegelt die Frage nach Sinn und Unsinn der Existenz des Menschen im Universum. Stockhausen begann seine Arbeit an LICHT mit der Oper DONNERSTAG, und als erstes komponierte er deren II. Akt, MICHAELs REISE UM DIE ERDE. […]

DONNERSTAG aus LICHT (1978–80) ist der Tag des Engels Michael, der sich als Trompeter inkarniert, um durch seine Musik die Menschen zu höherem Bewusstsein zu führen. (mehr…)

Festianus, Märtyrer

Ein bemerkenswertes Hörspiel von Günter Eich, dass nicht nur sehr humorvoll und kritisch den menschenverachtenden Kern der Theologie von Himmel und Hölle herausarbeitet – sondern auch mit einer überraschenden, emanzipatorischen Pointe aufwartet.

Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer

Helmut Gollwitzer

Durch Gnade zu Sinn und Praxis – Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer (Charles le Chat 7/15)

Gliederung
I Einleitung
II Leben zwischen Marx und Jesus – Biographie
III Religion und Kritik- zur Kritik an marxistischer Religionskritik
IV Messianisches Erlösungsversprechen als marxistische Hybris
V Schuld und Tod als existentielle Unveränderbarkeiten
i) Der kontroverse Tod
ii) Marxistische Anthropologie – Ein Widerspruch in sich?
iii) Was ist Schuld? – Ein Versuch
VI Sinn als Gabe und Aufgabe – Zum Verhältnis von Sinn, Leistung und Gnade
i) Verstellter Sinn – Nietzsches Nihilismus
ii) Existenz zwischen Sinn und Nutzen
iii) Sinn-Empfang als Gnade des ganz anderen Gottes
iv) Sinn als Gabe und Aufgabe – Dank als Praxis
v) „Von den Stricken meiner Sünden“
vi) Verheißung als theologisches Sinnangebot (zusammenfassendes Fazit)
VII Praxis – Marxismus und Theologie im Dialog
i) Christliche Praxis im Widerspruch
ii) Marxismus und Theologie im Denken von Gollwitzer (abschließender Befund)

PDF – Zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer

I Einleitung

In der Kritik der reinen Vernunft formuliert Kant die drei Grundfragen der Philosophie: Was kann ich erkennen? Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen? (3.Bd, S. 447f.) Damit verweist er darauf, dass Erkenntniskritik (Was kann ich erkennen?) nicht losgelöst vom Bereich der Ethik (Was soll ich tun?) und Sinngebung (Was darf ich hoffen?) gedacht werden darf. Zugleich muss Erkenntniskritik sich ihrer Verschiedenheit von diesen aber bewusst auch sein. Für den marxistischen Theologen Helmut Gollwitzer ist die Sinnfrage eine religiöse, ja die Existenz von Religion begründet sich gerade in dem Bedürfnis nach Sinn. Das Besondere an der Frage nach Sinn sei nämlich, dass ihre existenzielle Dimension weder von den positivistischen Wissenschaften noch vom Marxismus überhaupt eingeholt werden könne, da sie deren Axiome notwendigerweise transzendiere. Dies wiederum bedeutet keineswegs, dass deren Erkenntnisfähigkeit irrelevant oder unbedeutend sei, es geht Gollwitzer vielmehr darum, darauf hinzuweisen, dass Sinngebung gar nicht in den „Kompetenzbereich“ von Wissenschaft fällt, da sie auf existentielle Momente des menschlichen Lebens wie bspw. Liebe, Schuld, Krankheit und Tod und damit zusammenhängend dem Bedürfnis nach Sinngebung nicht adäquat, d.h. sinn-stiftend antworten kann. Eben diese „Kompetenzüberschreitung“ kritisiert der Theologe Helmut Gollwitzer auch am messianischen Erlösungsversprechen des traditionellen Marxismus. Dieser könne seinem Anspruch, mit dem Übergang zum organisierten Kommunismus die „letzten“ Fragen und Probleme zu lösen, a priori nicht gerecht werden, da er qua seines Atheismus, auf die Problematik der Endlichkeit bzw. des Todes auf der Ebene von Sinn gar nicht anders als nihilistisch reagieren kann. Überdies macht Gollwitzer angesichts der historischen Erfahrung mit dem Realsozialismus darauf aufmerksam, zu welch radikaler Gleichgültigkeit gegen das Leben des/r Einzelnen das Fehlen von Ethik und Sinngebung in einer Gesellschaftskonzeption führen kann, deren einziges Sinn-Angebot in der Glorifizierung der „Arbeit fürs Kollektiv“ besteht: Sie verlängert das ent-individualisierte Leistungsprinzip, von dem sie vorgibt den Menschen befreien zu wollen. Die Frage, inwiefern die aufklärerische Absicht den Menschen zum „höchsten Wesen“ zu erklären bereits theoretische Schwachstellen birgt, ist für Gollwitzer dabei von Bedeutung. Nichtsdestotrotz schätzt Gollwitzer die materialistische Gesellschaftskritik in Theorie und Praxis als unverzichtbar für die nötige Herstellung einer irdischen Annäherung an das „Reich Gottes.“ Jedoch muss diese sich dabei ihrer „Illusionen“ entledigen, um angesichts des Unveränderbaren im Weltverhältnis die Arbeit am Änderbaren um so mehr intensivieren zu können. Spricht Gollwitzer vom „Marxismus“, so bezieht er sich dabei primär auf den von der frühen Sozialdemokratie um Engels, Kautsky, Bebel und Lenin u.a. vertretenen traditionellen Marxismus und dessen sowjetnahen Nachfolger_innen, deren Marxismus-Rezeptionen – jenseits von kritischer Theorie und Neuer Marx-Lektüre in den 60ern – weltweit prägenden Einfluss hatten. In diesem Sinne folge ich Gollwitzer im Rahmen dieser Arbeit, um etwaige Missverständnisse zu vermeiden. Dennoch lässt sich ein Teil der geübten Kritik auch auf die kritischen Marx Aneignungen (z.B. Kurz, Heinrich, Backhaus u.a.) übertragen.
In seinem Buch „Die Marxistische Religionskritik und der christliche Glaube“ (1961) gibt er einen ersten Einblick in das Verhältnis von Theologie und Marxismus innerhalb seines Denkens, dessen tiefergehendes Verständnis Inhalt dieser Arbeit sein soll.
Zuallererst soll die Verknüpfung der beiden Pole auf biographischer Ebene nachgezeichnet werden. Daran anschließend soll das Themenfeld Religion und Kritik ausgelotet werden, in dem Gollwitzers Argumentation zur marxistischen Religionskritik aufgegriffen wird, die schließlich in einer (Selbst-)Kritik des Marxismus mündet. Indem daraufhin versucht wird, Inhalt und Qualität der von Gollwitzer postulierten existentiellen Unveränderbarkeiten am Beispiel der Schuld und des Todes nachzuspüren, wird zugleich die Kritik Gollwitzers an marxistischem Erlösungsversprechen vertieft und die Aussicht auf Gollwitzers Konzept von Sinn als „Gabe und Aufgabe“ eröffnet. Dabei wird vor allem auf Gollwitzers Ausführungen in seinem Werk „Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“ (1971) zurückgegriffen werden. Um das Verständnis dieses theologischen Ansatzes besser nachvollziehen zu können, werden die Argumentation Gollwitzers zum Verhältnis von Sinn, Leistung und Gnade ausführlich dargestellt und Form und Konsequenzen des theologischen „Sinnangebots“ besprochen. Abschließend wird versucht, eine Einschätzung zum Verhältnis von Theologie und Marxismus bei Helmut Gollwitzer an Hand der Frage von gesellschaftspolitischer Praxis zu geben.